VOLKSHOCHSCHULE RHEINZABERN
IN DER KREISVOLKSHOCHSCHULE GERMERSHEIM

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Ostsee - Danzig - Marienburg -
Kaschubische Schweiz - Masuren
Studienfahrt der vhs-Rheinzabern vom 4.10. - 11.10.2008

Ein Bericht von Gerhard Beil

Nach der erfolgreichen Tour durch den Süden unseres Nachbarlandes vor 7 Jahren war man diesmal ganz gespannt auf Danzig, aber auch auf Kaschubien, Masuren, das Ermland, Ost- und Westpreußen und die Ostsee. Gut ausgeruht, voller Tatendrang und Wissbegier verließen die Reiseteilnehmer die LOT-Maschine auf dem Lech-Walesa-Airport in Danzig, wo sie Reiseführer Krzysztof Pietrowski mit dem "Fichtenkamm"- Schild erwartete. Reiseleiter Gerhard Beil hatte ihm ein umfangreiches Programm aufgegeben, das er trefflich rüberzubringen wusste.
Im ***Hotel Mercure Hevelius ließ es sich trefflich logieren. Dank eines goldenen Herbstes zeigten sich Stadt und Land von ihrer schönen Seite. Dazu präsentierte "Kowalski", wie unser Reiseführer seine Landsleute nannte, ein wahres Schlaraffenland für Augen, Gaumen und Magen.
Danzig hat viele Beinamen: Königin des Baltikums, Hansestadt, Kunstmetropole u.a.m. Es gilt als Symbol für den Wiederaufbau "polnischer" Bausubstanz nach dem Kriege, obwohl die Geschichte viele Einflüsse sichtbar macht, die heute nicht mehr verschwiegen, sondern sogar betont werden. Dreisprachig (auch in Deutsch!) sind mittlerweile viele Wegweiser, vor vierzig Jahren undenkbar. Wer damals "Danzig" sagte, dem fiel man ins Wort: "Sie meinen wohl Gdansk". Heute ist alles anders.

 
Wo der II. Weltkrieg begann
Auf der Westerplatte vor Danzig fielen die ersten Schüsse des II. Weltkrieges, als der Panzerkreuzer Schleswig-Holstein am 1.9.1939, 4:45 Uhr, ein polnisches Militärdepot beschoss. Gerhard Beil erläuterte am Denkmal auf der Westerplatte die historischen Zusammenhänge und ging dabei auch auf frühere Reiseeindrücke ein und stellte Bezüge zu Rheinzabern und dem Heimatraum her. Man ist mittendrin in der Geschichte. Von Anfang an ging es den Nazis um die Vernichtung der Polen und Slawen, in der Propaganda als "ethnische Flurbereinigung" oder "Lebensraum im Osten" verharmlost. In Polen fand aber auch der Holocaust statt! Am Ende des Krieges war Danzig zerstört, die Deutschen wurden vertrieben, stattdessen aus der Ukraine, der UdSSR oder Litauen vertriebene Polen in einem für sie fremden Land angesiedelt. Dazu passt gut das Zitat von Pater Gerhard Leisner (1932-2004), einem deutschen Kriegswaisen, der in Schlesien zurück geblieben ist: "Es gibt keine guten und keine schlechten Völker, es gibt nur gutes und schlechtes Tun".

Bild 1 (Beil): Denkmal auf der Westerplatte/Danzig
Wo der Ostblock zerbrach
Wer noch nicht richtig Wurzeln gefasst hat, rebelliert leichter, erst recht wenn mit Kochtöpfen gegen leere Regale demonstriert werden muss. 1970 noch mussten die Danziger Arbeiter den Maschinengewehren der Miliz weichen. Vergeblich versuchte Giereks Gulaschkommunismus auf Pump die Stimmung zu heben. 1980 dann trotzten die Danziger dem kommunistischen Staat ein Denkmal ab - und die berühmten 21 Punkte von Danzig. Der Platz der Solidarnosc am Eingang zur Leninwerft machte Weltgeschichte. Solidarnosc entstand aus einem Streik der damaligen Arbeiterelite, den Werftarbeitern der berühmten Leninwerft. Ausgelöst wurde der Streik durch die Entlassung der beliebten Kranführerin Anna Walentynowicz, deren Schicksal im Film "Strajk - Die Heldin von Danzig" mit Katharina Thalbach verfilmt wurde. Drei 42 m hohe Kreuze voller Symbolkraft, mit Ankern als Zeichen der Hoffnung, Gedenktafeln, Statuen und Zitate, stets mit frischen Blumen geziert, mahnen an die dramatischen Tage des Sommers 1980. "Stachel im Fleisch des Bären", nannte sie Lech Walesa, und jeder Pole wusste, wer damit gemeint war. Unweit davon, am "Pfad der Freiheit", steht als Denkmal ein Milizpanzer, Symbol für die Unterdrückung. Viele Väter hat dieser Erfolg, bekannt ist vor allem Lech Walesa. Unzweifelhaft aber war es auch Jan Pawel II., Papst Johannes Paul II., dessen 30. Jubiläum "Habemus Papam!" am 16.10.2008 gerade vorbereitet wurde. Für die Regierenden in Warschau war es ein Schock. Johannes Paul II. rief anlässlich seines ersten Besuches in der Heimat im Jahre 1979 immer wieder: "Habt keine Angst!" In Danzig begann der Anfang vom Ende des Ostblocks. Das Zitat des DDR-Bonzen Hager fällt einem da ein, als er zu Gorbatschows Perestroika zynisch - vielleicht auch nichtsahnend - bemerkte: "Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?". Die Polen schätzen auch Helmut Kohl, dem man viel verdankt. In Erinnerung bleibt die symbolische Umarmung mit dem ersten demokratischen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki auf Gut Kreisau, einem geistigen des Widerstandes gegen die NS-Herrschaft. "Kowalski" vergisst auch nicht die Paketaktionen anfangs der 80-er Jahre. Das Bild vom "bösen Deutschen" ist längst passé. Alles ist noch keine 30 Jahre her. Der Werft droht übrigens das endgültige Aus, schon jetzt ist dort eine große Brachfläche. Das polnische Arbeitsamt wirbt mit "Go West!". Lech Walesa aber, der Held von Danzig, Friedensnobelpreisträger von 1983 und ehemaliger Präsident Polens, hält in aller Welt Vorträge. Das Tor der Werft indes zieren Bilder von Johannes Paul II., "unser Papst", und von "Benedetto", dem "deutschen" Papst.


Bild 2 (Beil) Denkmal für die Opfer des Dezemberaufstandes von 1970
 
Bild 3 (Beil) Eingangstor zur Danziger Werft (ehemals Leninwerft)
 
"Des hätt' ich net gedenkt!"
Natürlich war man gespannt auf das Schmuckkästlein Danzigs, die historische Rechtstadt, deren Äußeres weitgehend rekonstruiert, während hinter den Fassaden modernes Wohnen ermöglicht wurde. Südliche Leichtigkeit in der Architektur, hanseatisches Flair, Baumeister aus ganz Europa haben hier Einfluss genommen. Millionen Touristen strömen alljährlich in die Metropole an Weichsel und Mottlau. Sie sehen zuerst das Schöne, übersehen aber meist die auch noch heute bestehenden Baulücken aus dem Krieg oder die Bausünden beim Wiederaufbau.
Ein erster Schnupperspaziergang etwas abseits des Trubels lässt die Spannung steigen. Hier ein Giebel, da ein Wappen, dort ein Durchblick. Archäologen legen Fundamente des alten Danzig frei, das bisher nicht rekonstruiert wurde. Dann das Krantor, Wahrzeichen der Hansestadt, für uns heute klein, damals aber notwendig für die "Pötte". Danzig besaß zeitweilig die größte Hafenanlage Europas, es hatte für das Weichselhinterland und Polen größte Bedeutung als Umschlagsplatz für Getreide oder Holz. Es geht durch kleinere Straßen, ein kurzer Blick in die Mariengasse, berühmte Filmkulisse für die "Blechtrommel", hinten der Künstler- und Schauspielerclub, dann wieder durch eines der zahlreichen Tore. Entlang der Mottlau, wohin allenfalls noch kleine Touristenboote fahren, heißt es dann "Augen rechts!", und es folgt ein langes "Aaah!" - geschickt inszeniert von Krzysztof, dem Guide: Der prächtige Lange Markt und die Langgasse, umrahmt von Patrizierhäusern und den schicken Beischlägen, wo sich früher die Familien zeigten. Heute sind die Beischläge von Touristen besetzt oder dienen als Verkaufsstände, Caféterrassen u.a.m. Staunen über Staunen: Das stolze Rathaus, der Neptunbrunnen, der Artushof, eine polnische Hochzeit ("Der Polin Reiz..!"), Straßenmusikanten.... Wie sagt da der Pfälzer anerkennend? "Des hätt' ich net gedenkt!" Zeit für einen Kaffee in einer der zahlreichen Konditoreien entlang des "Königswegs", wo einem Mohnkuchen und allerlei Törtchen anlachen. Nach diesem Schnupperkurs steigt die Lust auf mehr, doch wird dies Führerin Barbara vorbehalten bleiben.

Bild 4 (Beil): Langmarkt mit Bürgerhäusern und Neptunbrunnen
 
Danzig genießen - nicht nur mit Barbara
Stadtführerin Barbara Borzych versteht es freundlich und bestimmt, immer aber sehr charmant, unsere Augen auf die Sehenswürdigkeiten und das Ohr auf ihre Stimme zu lenken. Und sie genießt es durchaus. Harte Themen zuerst, scheint ihre Devise, und so führt sie rasch - vorbei an der Brigittenkirche - durch die etwas triste Altstadt, wo viele Menschen von der Werftenkrise betroffen sind, zur Polnischen Post, die im September 1939 von wenigen polnischen Postbediensteten gegen die Deutschen tapfer verteidigt wurde. Der Mythos dieses Kampfes David gegen Goliath wirkt noch heute. Bilder davon kennen wir aus Volker Schlöndorffs Film "Die Blechtrommel". Rasch taucht der Name eines berühmten Poeten auf, dem Ehrenbürger der Stadt, den man in Danzig auch nach dem Skandal um seine Waffen-SS-Zugehörigkeit hoch verehrt: Günter Grass.
Das Mittagessen in der "Hafenkneipe" bei Kubicki stärkt auch die Konzentration, so dass Barbara erneut zur Hochform auflaufen kann: Serienweise Sehenswürdigkeiten, Kuriositäten, Anekdoten, Bernstein, das "Gold der Ostsee" überall. Die Führung wird zum Genuss. Was man sieht, ist mehr als Zahlen und Daten, man sieht auch mit dem Herzen. Da ist die Marienkirche, größte Backsteinkirche der Welt, für 25 000 Gläubige, in 160 Jahren zwischen 1343 und 1503 erbaut, im Krieg zerstört, 1948-1955 wieder aufgebaut. Hier sind Hunderte Danziger Patrizier beerdigt, Kunstwerke en masse, gibt es die berühmte astronomische Uhr. Die Madonna von Danzig (1420) gilt als Patronin von Pommerellen. Obwohl wie ein Monstrum erscheinend, fügt sich die Marienkirche harmonisch in die Umgebung ein. Danzigs Türme wetteifern wie bei einem Schönheitswettbewerb. Der Rathausturm glänzt seit seinem Wiederaufbau 1970 in besonderer Eleganz. Die stolzen Bürgerhäuser künden vom einstigen Ruhm der "Königin des Baltikums". Das Grüne Tor schließt den Langen Markt zur Mottlau hin ab. Linker Hand ein schlichtes Messingschild: Büro Lech Walesa. Rechter Hand endet die Tour in einer Bernsteinschleiferei. 10 000 Arbeitsplätze hängen am Gold der Ostsee, sagt man.
Etwas abseits von Barbaras Tour dürfen wir drei bedeutende Bauwerke nicht vergessen: Sankt Katharina, "Mutter aller Danziger Kirchen" mit berühmtem Carillon, ist zur Zeit eingerüstet, weil am 22.5.2006 ein schrecklicher Dachstuhlbrand gewütet hat. Daneben die schlagzeilenträchtige, aber schlichtere Brigittenkirche, Gotteshaus der Werftarbeiter, wo Walesas Berater, Pfarrer Henryk Jankowski, wirkte. Helden der polnischen Geschichte werden hier verehrt: Jan Sobieski III., der Retter des Abendlandes vor den Türken 1683, die Opfer von Katyn, Marschall Pilsudski, der Sieger im "Wunder an der Weichsel" gegen die Russen im Jahre 1920, Kardinal Wyszynski, Widersacher der Kommunisten, Jerzy Popieluszko, das "Gewissen des Volkes", Arbeiterpriester, Märtyrer, den der kommunistische Geheimdienst am 19.10.1984 bestialisch ermordete, Papst Johannes Paul II. und natürlich Maria, die Königin Polens. Schließlich sei die gotische St. Bartholomäus-Kirche erwähnt, die 1998 der Danziger ukrainischen-katholischen Kirchengemeinde übergeben wurde. Diese Gemeinde verdankt ihre Existenz vor allem der berüchtigten "Aktion Weichsel", mit welcher die polnische Regierung im Jahre 1947 rund 150 000 ihrer ukrainischen Mitbürger und 30 000 Lemken zwang, ihre angestammte Heimat in Südostpolen zu verlassen und sich bevorzugt in den Gebieten der vertriebenen Deutschen im Norden und Westen Polens anzusiedeln. Ihre Liegenschaften verfielen dem polnischen Staat, ihre Kirchen wurden zweckentfremdet, sind verfallen oder werden von Orthodoxen benutzt. Auch Polen hat sein Vertriebenenproblem, nur durfte es lange nicht akzentuiert werden.
Danzig lockt auch am Abend in urige Kneipen und pfiffigen Cafés, so dass jedermann seinen Durst auf Piwo, Wodka und Goldwasser stillen kann. Andere bummeln durch ruhige Gassen, was manchem Danziger endlich zupass kommen dürfte, wird die "Königin der Ostsee" in der Hochsaison doch völlig überrannt.

Bild 5 (Beil) Interessierte Zuhörer für Führerin Barbara (Bildmitte)
 
Grand Hotel, Gustloff und Gänsehaut
Mit einem Abstecher führt uns Barbara in den Norden der "Dreistadt", wie die Agglomeration Danzig heißt. Landflucht und Flüchtlingsansiedlung ließen ein schier 20 km langes Siedlungsband an der Danziger Bucht entstehen. Zunächst ist da das schicke Zoppot/Sopot an der "Riviera des Nordens", "Perle der Ostsee" genannt, ein Seebad mit Casino und Grand Hotel, mit Villen des untergegangenen Bürgertums, das einst hier den Sommer verbrachte. Zoppot verdankt seinen Aufstieg der Initiative eines Leibarztes von Napoleon, Jean Georg Haffner. Nach der sozialistischen Ära findet Zoppot wieder zu alter Bedeutung zurück, Hotelinvestoren zeigen Optimismus. Einmalig an der Ostsee: Die über 500 m lange Mole, Flaniermeile zum Sehen und Gesehen werden. Es ist still an diesem Morgen, einige Möwen fühlen sich gestört, die Saison ist vorbei und man stellt sich auf den Winter ein. Maler Herbst hat schon die Bäume der Danziger Moränenhügel gefärbt. Die Adlerhorstklippen sind zum Greifen nahe. Es herrscht Flaute, entgegen manchem Wunsch, einmal von einer steifen Brise ordentlich durchgeblasen zu werden.
Weiter geht es nach Gdingen/Gdynia, das in den 20-er Jahren vom kaschubischen Fischerdorf zum polnischen Überseehafen [Kohlebahn Oberschlesien-Ostsee] wuchs und heute eine bedeutende Industrie- und Hafenmetropole darstellt. Nach Kriegsbeginn wurde Gdynia/Gdingen zu "Gotenhafen" (dazu H. Pietrowski: "Ein Maler namens Hitler wollte den Namen Gotenhafen") umbenannt, böses Omen für ein schlimmes Ende. "Nacht fiel über Gotenhafen", heißt ein berühmter Film über eine der größten Katastrophen der Seefahrtsgeschichte, der Untergang der "Wilhelm Gustloff" am 30.1.1945. Erst vor wenigen Jahren wurde diese lange verdrängte Tragödie wieder aufgegriffen, als Günter Grass seine Novelle "Im Krebsgang" veröffentlichte und ein Tabuthema ansprach, worauf die "Gustloff" - Tragödie auch vom ZDF verfilmt wurde.
Ganz feierlich ist dann die Stimmung in der Kathedrale von Oliva/Oliwa, wo eine der bedeutendsten Orgeln Europas mit Bachs berühmter Toccata und Fuge in d-moll reinen Engelsgesang ertönen lässt. Ein Engel mit Olivenzweig (Oliva) spielte einst bei der Gründung der Abtei durch einen Pommerellenfürsten eine wichtige Rolle. Heiliger Schauder ergreift die Gäste, erinnert sie an gemeinsame europäische Kultur und Geschichte. Die Zisterzienserabtei Oliva wurde 1831 säkularisiert, Ausfluss des preußischen Kulturkampfes, der das Nationale überbetonte und den Polen ob ihres katholischen Glaubens als "Rom-hörig" und "Österreich-freundlich" misstraute.


Bild 6 (Beil) Blick von der Mole auf das Grand Hotel Zoppot
 
Bild 7 (Beil) Kathedrale von Oliva
 
Keiner kennt Kaschubien
Beim Anflug über die "Kaschubische Schweiz" westlich von Danzig glänzen in der Mittagssonne unzählige Seen einer lieblichen Moränenlandschaft, die von der Eiszeit geschaffen worden ist. "Kaschubei" galt auch in Polen lange als Begriff für Rückständigkeit und Armut, obwohl der momentane Ministerpräsident Donald Tusk aus Kaschubien stammt. Die Kaschuben, eine slawische Volksgruppe, genießen heute Minderheitenschutz. Lange lebten sie isoliert, hielten sich auch wegen ihres katholischen Glaubens von den protestantischen Städten Westpreußens fern. So widersetzten sie sich der Germanisierung und der Polonisierung. Zentrum der Kaschubei ist das kleine Städtchen Karthaus/Kartuzy, wo im Jahre 1380 Karthäusermönche aus Prag angesiedelt wurden. Pommersche Fürsten hatten sie angeworben. Ihr Kloster nannten sie Marienparadies. Die Karthäuser gehen auf eine Gründung des hl. Bruno von Köln in Chartreuse/Grenoble zurück. Sie pflegen die Askese. Wir kennen allenfalls das Arme-Leute-Essen, die Karthäuserklöße, besser bekannt als "rostige Ritter". "MEMENTO MORI !" - "Bedenke, Mensch, dass du stirbst!", heißt die Losung der Karthäuser, die zum Schweigen verpflichtet sind. Das "Memento mori!" war auch der Grund, das Dach der Kirche in Sargdeckelform auszubilden. Mönche machten kaschubisches Land urbar und waren ein wichtige Kulturträger. Da Sonntag ist, finden wir lediglich zwischen zwei Messen kurze Gelegenheit zu einer Stippvisite in der Kirche.
Das Heimatmuseum in Karthaus/Kartuzy zeigt liebevoll zusammengetragene Zeugen der kaschubischen Volkskunst und Kultur. Direktor Norbert Maczulis öffnet eigens für unsere Gruppe sein Haus und ist stolz auf seine Schätze. Ackerbau, Bienenzucht, Leinenweberei, Torfstechen, Fischerei, holzverarbeitendes Handwerk wie Spazierstock- und Korbmacherei u.a. prägten Jahrhunderte lang den Alltag, aber auch die Musik. Ein kaschubisches Kuriosum: Kuhhörner als Tabaksgefäße. Dazu meint ein kaschubisches Sprichwort: "Ein Mensch, der nicht trinkt, nicht raucht und keinen Tabak schnupft, ist einen Dreck wert!" Dem sandigen Boden, der mageren Scholle, den weiten Mooren und dichten Wäldern ausreichend Nahrung und Rohstoffe abzuringen, war keine leichte Arbeit. Bereichert wurde der kärgliche Mittagstisch durch Fisch aus den unzähligen Seen. Schmalhans war hier Küchenmeister. Eine Reiseteilnehmerin erinnert sich an Werner Bergengruens Kaschubisches Weihnachtslied "Wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande..." Seitdem hat sich aber vieles geändert. Parallelen an eigene bäuerliche Vergangenheit werden wach.
Gestärkt mit einem kleinen Mittagsimbiss in Zuckau/Zuckowo geht es dann zum höchsten "Berg" Nordpolens, dem Turmberg/Gora Wiezyca (329 m NN), der uns von seinem 35 m hohem Aussichtsturm einen herrlichen Blick über eine reizende Landschaft eröffnet. Im Vordergrund der Ostritzsee/Jezioro Ostrzyckie, am nördlichen Horizont kann man sogar die Ostsee ahnen.
Bild 8 (Beil) Ehem. Klosterkirche der Karthäuser in Karthaus
 
Bild 9 (Beil) Torfstechutensilien im Kaschubischen Museum Karthaus
 
Bild 10 (Beil) Ostritzsee in Kaschubien
 
Gigantomanie in Backstein
Durch das fruchtbare Weichseldelta geht es rund 50 km gen Osten. Werder heißen die dem Hochwasser abgerungenen Flächen, die wie Polder entwässert werden. Holländische Einwanderer, schon von den Ordensrittern angeworben, haben an der Urbarmachung einen wesentlichen Anteil. Pumpen wurden mit Windmühlen angetrieben. Später waren es Mennoniten, die hier segensreich kolonisierten. Eine echte Kornkammer. Herr Pietrowski erzählt von Landreform nach dem Krieg und Staatsgütern im Bereich der ehemals deutschen Gebiete, während in weiten Teilen Polens die Landwirtschaft in Privatbesitz blieb. Ein Kuriosum im Sozialismus, ebenso der Einfluss der polnischen Kirche.
Aus dem Morgennebel taucht die Marienburg/Malbork an der Nogat auf, UNESCO-Weltkulturerbe, riesige Burganlage, ein Gewirr von Zugbrücken, Türmen, Toren, Treppen und Zinnen, größter Backsteinbau Europas, Machtzentrale des Ordensstaates, wie Führerin Malgorzata Meyer meint. Die Burg zu besichtigen, ist erste Touristenpflicht und gleicht einer faszinierenden Zeitreise ins Mittelalter. Ab 1272 im Bau, war hier von 1309-1457 der Sitz des Hochmeisters des Deutschen Ritterordens, der - vom polnischen Herzog Konrad I. von Masowien als Hilfe gegen die heidnischen Pruzzen ins Land gerufen - selbst einen eigenen Staat ausbildete. Die Kreuzrittertruppen galten als unbezwingbar. Lange Streitigkeiten mit der Stadt Danzig bzw. dem Königreich Polen gipfeln in der berühmten Schlacht bei Grunwald/Grünfelde bzw. Tannenberg im Jahre 1410, die zum Mythos der polnischen Geschichte zählt. Tatsächlich dauerte es noch viele Jahre, bis sich z.B. Städte wie Danzig, Thorn und Elbing zum preußischen Bund zusammenschlossen, den polnischen König als Verbündeten gewannen und in einem 13-jährigen Bürgerkrieg die Kreuzritter besiegten, ehe sich der Hochmeister nach Königsberg zurück zog. Mangels Geld entlohnte der Orden seine Söldner mit Ländereien - Ursprung vieler ostpreußischer Adelsfamilien und ihrer Güter. Aus gleichem Grund verpfändete der Hochmeister im Jahre 1455 die Marienburg an seine Söldner, die sie dem polnischen König verkauften.


Bild 11 (Ohnemüller) Blick auf die Marienburg an der Nogat
 
Bild 12 (Beil) Bedeutende Hochmeister des Deutschen Ritterordens
 
Grausame Realität
Nördlich von Marienburg liegt ein Ort des Grauens. Beim Dorf Stutthof/Sztutowo errichtete die Gestapo Danzig das erste KZ auf heute polnischem Boden. In der Baufirma arbeitete auch der Großvater (16 Kinder) des Führers Marek Guzy, dessen Vater nach dem Kriege als vertriebener Pole aus der Lemberger Gegend (heute Ukraine) an die Küste kam. Germanisierung hieß das verbrecherische Wort. Kritiker der NS-Politik, Juden, polnische Intelligenz sollten hier ausgerottet werden - durch Arbeit vernichtet. Seit 1936 hatte man in Danzig Verhaftungslisten vorbereitet, schon vor Kriegsausbruch den Standort für das KZ ausgewählt. Bereits am 2.9.1939 kamen die ersten 150 Polen hierher. Ihre Aufseher waren Kriminelle. Rund 65 000 (andere Quellen sprechen von 85 000!) der 110 000 Lagerinsassen aus 25 Nationen kamen um - die meisten bereits nach 5 Wochen.
Bild 13 (Beil) Eingang zum KZ Stutthof
 
Idylle mit Makel
Wenige Kilometer weiter östlich, auf der Frischen Nehrung, an der Bernsteinküste, liegt Kahlberg/Krynica Morska, ein bekannter Badeort zwischen Ostsee und Haff. Friedlich liegt das Haff vor uns, kaum eine Welle ist zu sehen. Dieses Wasser ist für immer mit Tränen und Blut getränkt. Unweit gegenüber sind deutlich die Elbinger Höhen zu erkennen. Im Januar 1945 spielte sich hier eine fürchterliche Tragödie ab, als Trecks aus Ostpreußen im eisigen Wasser einbrachen, teilweise durch russische Bomben verursacht. Insgesamt, so der Reiseführer, sollen 61 000 Deutsche im Haff versunken sein. Bleibt uns auch der Blick vom Leuchtturm über die Danziger Bucht, die Dünen und das Haff verwehrt, so erleben wir am Ostseestrand bei Bodenwinkel/Katy Rybackie einen malerischen Sonnenuntergang.

Bild 14 (Beil) Abendstimmung an der Frischen Nehrung bei Bodenwinkel
 
Stiefkind am Rande des Haffs
Heute geht es gen Osten. Elbing im ehemaligen Westpreußen heißt jetzt Elblag. Es liegt an der "Berlinka" genannten ehemaligen Reichstraße 1 Königsberg - Elbing - Stettin - Berlin - Aachen. Von der einst stolzen Hanse- und Hafenstadt mit Werftenindustrie ist nur ein Torso übrig geblieben. Tristesse überall. Wegen des Aufbaus von Danzig wurde Elbing nur stiefmütterlich behandelt. Auch hierher siedelte man Menschen aus Ostpolen und Opfer der Aktion Weichsel an. Dass sie sich nicht heimisch fühlten, obwohl man die Gebiete als wiedergewonnene Piastengebiete bezeichnete, liegt auf der Hand. Erst in den letzten 3 Jahren hat man begonnen, die Silhuette der Stadt wieder aufzunehmen und will einige hundert Häuser im Patrizierstil rekonstruieren, so dass die Stadt wieder ein Gesicht bekommt. Ein Wandbild erinnert an Alt-Elbing, das in den Bombennächten am Ende des Krieges unterging. Heute ist Elbing Bistumsstadt. Lange zeugte lediglich der Turm der Nicolaikirche von der einstigen Größe Elbings. EU-Mittel helfen, aber auch Mittel von spendenwilligen Vertriebenen als Zeichen der Versöhnung. Eine Freihandelszone soll neue Arbeitsplätze bringen. Der Traum von der zweiten Hansa-City á la Danzig möge in Erfüllung gehen.
Durch die Hügel der "Elbinger Berge" erreichen wir nach wenigen Minuten Cadinen/Kadyny am Frischen Haff, wo Kaiser Wilhelm II. seinen Sommersitz hatte. Im Gasthaus "Unter der silbernen Glocke" genießen wir feinsten Fisch, ehe es weiter geht nach Frauenburg im Ermland, eine katholische Insel im einst protestantischen Ostpreußen.

Bild 15 (Beil) Elbing - einstige Schöne am Haff (Wandbild)
 
Wo Kopernikus wirkte
Frauenburg/Frombork mit seiner weit sichtbaren Kathedrale aus Backstein ist berühmt durch Nikolaus Kopernikus, dem wir die Vorstellung vom heliozentrischen Weltbild verdanken. 43 Jahre wirkte Kopernikus als Domherr in Frauenburg. Im Bischofspalais erläutert unser Reisegast Dr. Helmut Schleser, Physiker und Hobbyastronom, das Revolutionäre an Kopernikus' Thesen, die erst durch Kepler und Newton bewiesen wurden. Im wunderschönen Dom fand Nikolaus Kopernikus seine letzte Ruhe. Sein Onkel, Lukas Watzenrode, war Bischof des Ermlands und Stifter des prächtigen Hochaltars. Völlig vergessen der Disput früherer Jahre, als man darum stritt, ob Kopernikus Deutscher oder Pole wäre. Frauenburgs goldenes Zeitalter wurde durch die Nordischen Kriege im 17. Jh. beendet. Henryk Sinkiewicz betitelt diese Zeit in seinem berühmten Historienroman als "Sintflut". Bedrückend noch ein Gedenkstein im Park von Frauenburg. Er erinnert an 465 000 Opfer der Vertreibung aus Ostpreußen.
Weiter geht es über Alleen Richtung Allenstein/Olztyn, Zentrum Masurens und des Ermlandes. Unterwegs lässt der Reiseführer ostpreußischen Dialekt Revue passieren, erinnert an Geistesgrößen des Landes, in dem man immer auch einen slawischen Bevölkerungsanteil hatte. "Marjellchen" heißt eine Gör, die allerhand Schabernack treibt.


Bild 16 (Beil) Dom zu Frauenburg
 
Bild 17 (Beil) Denkmal an die Opfer der Vertreibung aus Ostpreußen
 
Bei der Muttergottes von Dietrichswalde
Ist es ein Wunder, im erzkatholischen Ermland einen Wallfahrtsort zu finden? Im Jahre 1877 erschien in Dietrichswalde/Gietrzwald die Muttergottes, die Königin Polens, zwei polnischen Dorfkindern namens Justyna und Barbara, was man sofort als besondere Zuwendung der Muttergottes für das Schicksal der einfachen Menschen deutete. "Betet den Rosenkranz!" war ihre Botschaft. Die einsetzende Wunderverehrung brachte die preußische Regierung in Verlegenheit. Gerade führte sie gegen die Katholiken einen Kulturkampf, als auch noch dieses Ereignis hinzu kam, das den polnischen Nationalgedanken stärken würde. Die Erscheinung von Dietrichswalde wurde 1977 als einzige Marienerscheinung in Polen anerkannt. Heute zählt Dietrichswalde zu den größten Wallfahrten Polens. In der "Basilica minor" im neoromanisch-/neogotischen Mischstil wird gerade Rosenkranz gebetet, als unsere Gruppe eintrifft. Ein Gang über die Rosenkranzallee zur "Wunderquelle" fällt der vordringenden Dunkelheit zum Opfer. Beeindruckend dieser schlichte Ort. Die Heilkraft des Weihwassers von Dietrichswalde wird geschätzt. In Deutschland ist aber noch immer wenig bekannt, dass Dietrichswalde die einzige anerkannte Marienerscheinung auf (jetzt ehemals) deutschem Boden darstellt.
Wolfsschanze? Fragen Sie Jan!
Masuren hat mystische Bedeutung. Ein Land der Stille. Himmel, Weite, Wasser, Landschaft, Menschenschlag, Geschichte und Kultur ergeben eine besondere Mischung. Vom Standquartier in Allenstein/Olztyn, dem ***Hotel-Warminski, geht es hinaus nach dem unbekannten Dorf Görlitz/Gierloz, wo sich im feuchten Waldgelände ein Werk des Teufels zu verbergen scheint: Das ehemalige Führerhauptquartier "Wolfsschanze" bei Rastenburg, von wo der Russlandfeldzug geleitet wurde. Ein Restauracja mit öffentlicher Bedürfnisanstalt ist das einzige unzerstörte Gebäude. "Fragen Sie Jan, wenn es um die Wolfsschanze geht", heißt der Slogan unseres kompetenten Führers, der sein gesammeltes Wissen auch als handsigniertes Buch verkauft. "Wenn das der Führer wüsste", hieß einmal eine Floskel, mit der Hitler-Gläubige die Injurien der örtlichen NS-Funktionäre zu entschuldigen suchten. Der tüchtige Lehrer kam nach dem Kriege hierher und hat eine Marktlücke gefunden. Jan Zduniak bringt es emotionslos auf den Punkt. Schon die nackten technischen Angaben sprechen für sich. 9 Meter dicke Decken sollten vor Bomben schützen, vor Myriaden von Mücken konnten sie es nicht. Nr. 7 war die "Stenographenbaracke", wo alles für die Nachwelt festgehalten wurde. Zu 99 % wären die Protokolle verbrannt. Dann die Nr. 13 (!): Hier musste Hitler "hausen", er fühlte sich hier nicht wohl. Sümpfe, Seen, Grundwasser, Rheuma, Kopfschmerzen und Mücken plagten viele. Hitler ließ keine Bilder von seinem Salonraum zu, er wollte lieber als spartanischer Soldat abgelichtet sein. An ihn heran zu kommen, war kaum möglich. Ab Spätjahr 1944 hielt sich Hitler zumeist im Bunker unter der Reichskanzlei auf. Auch die Betonmassen konnten den Gang der Geschichte nicht aufhalten. Beim Abzug sprengten Pioniere die Mauern des Grauens. Scherzhaft stützen heute besichtigende Schüler mit Holzprügeln und Stecken ein schräg hängendes Bunkersegment. Die letzten Monate der Agonie fraßen noch unzählige Opfer. Der 20. Juli 1944, das Attentat auf Hitler durch Oberst Stauffenberg, wird aktuell. "Handeln wie Nichthandeln" bedeutete Schuld. In den letzten 9 Kriegsmonaten gab es so viele Opfer, wie in den restlichen Jahren zuvor!

Bild 18 (Beil) Mit Führer Jan Zduniak im ehemaligen Führerhauptquartier bei Rastenburg
 
Ave Maria und Pozegnanie Ojczyzny
Heiligelinde/Swieta Lipka ist einmalig. Barockpracht strahlt inmitten masurischer Idylle. Entstanden ist die Wallfahrtskirche während der Gegenreformation um 1690 anstelle eines seit langem bestehenden Wunderorts, wo Maria einem zum Tode Verurteilten erschienen sein soll, der daraufhin das Muttergottesbild in ein Stück Holz schnitzte. Wie die Vorstufe zum Himmel muss es manchem Erdenbürger vorkommen, erst recht, wenn die Königin der Instrumente einsetzt und die beweglichen Figuren zu frohlocken scheinen. Glaube braucht einfach die Emotion zum Wirken. Organist Rafal Sulima weiß alle Register seiner Orgel zu ziehen, er öffnet damit Herzen und Beutel. In solcher Stimmung wirkt das Gnadenbild der "Schmerzensmutter" besonders. Des Organisten Repertoire reicht von Bachs Toccata bis zum "Abschied von der Heimat", das Pozegnanie Ojczyzny von M.K. Oginski, einem "Hit" aus der Zeit der Aufteilung Polonias. Die große Anzahl der Buden lässt erahnen, welcher Trubel hier in der Hochsaison herrschen kann. Beten und Feiern hat schon immer zusammen gehört.
Heiligelinde bekam nach dem Krieg eine neue Bedeutung für den Katholizismus in Polen, wurden doch hier in Masuren Hunderttausende Orthodoxe aus der Ukraine angesiedelt. Russisch Orthodoxe leben hier schon seit der Zarenzeit. Eine Abspaltung bilden die sog. "Altgläubigen", von denen wir das ehemalige Philipponen- Kloster in Eckertsdorf/Wojnowo besuchen. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Assimilierungsdruck und Arbeitslosigkeit sind wichtige Gründe für das absehbare Ende dieser Glaubensgemeinschaft.

Bild 19 (Beil) Wallfahrtskirche Heiligelinde
 
Bild 20 (Beil) Friedhof der "Altgläubigen" Philipponen in Eckertsdorf
 
Ein Paradies für Touristen
Das ist Masuren. Wir fahren durch die Sensburger Seenplatte mit fast 6000 Seen. Ein Badeparadies, was die Kommunisten einst bewog, am Kerstensee/Jez. Kiersztanowskie bei Heiligelinde "heidnisches" FKK-Baden zuzulassen. Ob sich die Sonnenanbeterinnen beim Klang der Glocken wohl fühlten, wissen nur der Himmel- und Radio Maryja. Masuren ist ein Vogelparadies, letzte Wildgänse ziehen am Himmel dahin, die Störche sagten schon im August "do widzenia!". Es ist nicht weit ins Jagdparadies Johannesburger Heide/Puszcza Piska. Superlative meist kaum berührter Natur. Ein "traumhaftes Gebiet", aber nicht weil die zahlreichen Schlaglöcher die tapferen Reisegäste in den Schlaf wiegen. In Sorquitten/Sorkwity eine Kanutour? Oder eine Stakekahnfahrt auf der Krutinna/Krutynia? Unterwegs hören wir von Ernst Wiechert, Arno Surminski und Siegfried Lenz. Sie haben mit der Feder festgehalten, was Heimat heißen kann. Wie heutige Polen diese Texte interpretieren?
Entlang einer Perlenschnur voller Seen kommen wir nach Crutinnen/Krutyn, heimliche Hauptstadt des Masurischen Landschaftsparks. Wir ahnen von der Terrasse aus die Krebse im glasklaren Wasser der Krutinna, interessieren uns aber mehr für die Marenen, eine masurische Fischspezialität, auf unserem Teller. Die Fahrt geht weiter über Ortelsburg/Szczytno, wo es im Sommer 1914 zu blutigen Kämpfen zwischen Deutschen und Russen gekommen war. Hier entstand der Mythos um Hindenburg, dem "Helden von Tannenberg". Als Dank für die Heimattreue der Masuren hatte im Jahre 1938 A. H. selber das neue Rathaus eingeweiht. Die Freude darüber war nur kurz.
Wie im Film
Mittlerweile scharren in Göttkendorf/Gutkowo schon die Pferde von Janusz Kojrys mit den Hufen, denn sie wollen unsere Gruppe mit Wagengespannen und Pferdeeskorte abholen. Nach einer kleinen Rundfahrt durch die Hügellandschaft erreichen wir die "Rancho Kojrys" einen Bauernhof ein, auf dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Schnell ein paar Schnappschüsse: Eine große Gänseherde in Marschformation, Hunde mit freudigem Gebell, ein Rudel Schweine, fotogene Enten erscheinen zum Schnappschuss und sind wieder wie vom Erdboden verschluckt. Selbst die Abendsonne scheint nochmals für ein Bild zu posieren, ehe sie versinkt. Beim Umdrehen erblicken wir eine Schöne mit Begrüßungswodka. Bauernhochzeit ist angesagt, für die sich zwei Pfälzer Pärchen mit Humor bereit halten. Doch zuvor wird in einer urigen Tenne aufgetragen: Bauernbrot, Schmalz, Bigos, Würste, Fleisch, Schinken, Salat, Piwo, Obst, wieder Wodka, süße Pirogen, alles was das Herz begehrt. Ein dressiertes Pferd erkennt die "Braut", um deren Gunst zwei Männer Mutproben absolvieren. Zünftige Musik macht Stimmung, ehe Tänze aufgeführt werden, die Einflüsse aus verschiedenen Kulturkreisen sichtbar werden lassen, wie sie heute in Ostpreußen vertreten sind: Polen, Litauen, Ukraine, Masuren, Galizien lassen grüßen. Kreuzfidel geht es bei Fackelschein in einer Eskorte zurück, ehe der Bus die "Hochzeitsgäste" im Hotel ablädt.

Bild 21 (privat) Begrüßungstrunk auf der Rancho Kojrys
 
Allenstein/Olsztyn
Allenstein, ca. 180 000 Ew., heißt heute Olsztyn und ist Hauptstadt der Wojewodschaft Warminsko-Mazurskie, die den Süden des ehemaligen Ostpreußen umfasst. Der Norden mit Königsberg fiel an Russland. Im Schutz der Burg der Fürstbischöfe von Ermland wurde eine mittelalterliche Stadt mit schachbrettartigem Straßennetz gegründet. Zu den berühmtesten Stadtbewohnern gehörte Nikolaus Kopernikus, der hier zeitweilig für Finanzen und Stadtverteidigung verantwortlich war. In preußischer und wilhelminischer Zeit fungierte die Stadt vor allem als Garnison. 50 % Allensteins wurden im Krieg zerstört, ehe im Mai 1945 die Polen die Stadt übernahmen. Die Deutschen wurden vertrieben, Flüchtlinge aus Polens "verlorenem Osten" und dem zerstörten Warschau rückten nach und wurden oft in Plattenbausiedlungen untergebracht. Heute ist Allenstein politisches, wirtschaftliches, kulturelles und wissenschaftliches Zentrum im Nordosten von Polen. Zum Stadtrundgang gehören das Hohe Tor, letzter Überrest der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Gedenktafeln erinnern an den Besuch von Papst Johannes Paul II. im Jahre 2004 und an Wojciech Ketrzynski. Letzterer Name ist durchaus interessant für die nicht einfache Geschichte Ostpreußens. Wojciech Ketrzynski (1838-1918) wurde als Adalbert von Winkler geboren. Sein Vater war Kaschube, seine Mutter Deutsche. K. entdeckte Interesse an der Geschichte und Identität Masurens und wechselte seinen Namen in die polnische Form. Nach einer Inhaftierung wegen Eintretens für die polnische Sache lebte er in Lemberg/Galizien, das bis 1918 zu Österreich-Ungarn gehörte. Nach dem Kriege wurde Rastenburg in Ketrzyn umbenannt. Beim Fischmark halten wir am historischen Gebäude der "Gazeta Olztynska", wo von 1886 bis 1939 eine Zeitung für die polnische Minderheit Ostpreußens gedruckt wurde, zumal die Stadt Zentrum polnischer nationaler Bewegungen war. Ungeachtete dessen stimmten die Allensteiner beim Plebiszit 1920 zu 98 % für den Verbleib bei Deutschland. In Erinnerung daran trägt das Theater den Namen "Treudanktheater". Vorbei am Kopernikus-Denkmal und der Burg, rechts das Haus des deutsch-polnischen Jugendwerks, führt unser Weg über den Rathausplatz zur Jakobi-Kirche, einer dreischiffigen gotischen Hallenkirche, deren Inventar in den napoleonischen Kriegen weitgehend verfeuert wurde. Seit 2004 ist Sankt Jakob eine Basilika Minor. Zum Schmuck zählen insbesondere die netzartigen Gewölbe. Wer aufmerksam durch die Straßen geht, ahnt, wie lebendig das Straßenleben während der Saison sein muss, wenn junge Menschen hier flanieren oder die Straßencafes und Kneipen bevölkern. Wir aber müssen weiter.
Bild 22 (Beil) Berühmter Allensteiner: Nikolaus Kopernikus
 
Mythos Grunwald gegen Tannenberg-Kult
Auf dem Weg von Allenstein zurück nach Danzig machen wir einen Umweg über Hohenstein/Olsztynek zum Dörfchen Grünfelde/Grunwald, ein Ort, den man besuchen muss, um das polnische Nationalgefühl besser zu verstehen. Der Streit um die Namen Tannenberg oder Grunwald stand lange Zeit symbolisch für schwere Zeiten zwischen unseren beiden Völkern. Auf dem Feld zwischen Grünfelde/Grunwald und Tannenberg/Stenbark ereignete sich im Jahre 1410 eine der größten Schlachten des Spätmittelalters. Dabei besiegte das vereinigte polnisch-litauische Heer unter Führung von König Wladislaus Jagiello und seinem Vetter, dem litauischen Großfürsten Witold, die Truppen des Deutschen Ritterordens unter Führung des Hochmeisters Ulrich von Jungingen. Es war nicht der wichtigste Sieg der polnischen Geschichte, aber von besonderem Mythos, nicht zuletzt bewirkt durch Jan Matejkos Historienbild aus dem 19. Jahrhundert. Polen war damals auf Preußen, Russland und Österreich-Ungarn aufgeteilt. Vor allem die Kirche, aber auch Künstler, Dichter und Musiker hielten den Einigungsgedanken aufrecht. Je nach Nation sagte man Tannenberg oder Grunwald. Im Jahre 1927 errichteten die Deutschen für den heldenhaften Sieger über die Russen im August 1914, General Hindenburg, ein riesiges Denkmal, eine Mischung aus Stonehenge und Castel Monte, wo der spätere Reichspräsident 1934 in einem Mausoleum beigesetzt wurde. Fortan entwickelte sich diese Stätte zu einem nationalen Wallfahrtsort, ein wahrer Hindenburg-Kult wurde gepflegt. Dies war wohl auch eine gewisse Kompensation für den Verlust nationaler Größe im I. Weltkrieg. Hindenburg hatte zu verantworten, dass weite Kreise die deutsche Niederlage mit der "Dolchstoßlegende" begründeten. Hitler aber ließ die Stätte in "Reichsehrenmal Tannenberg" umbenennen. Zum Ende des Krieges wurden Hindenburgs Gebeine nach Marburg überführt, die riesige Anlage von deutschen Pionieren gesprengt, so dass nur noch eine mit Gras bewachsene, schwer zugängliche Fläche übrig geblieben ist. 1966 errichteten die Polen auf dem historischen Schlachtfeld bei Grunwald einen Obelisken aus 265 Steinen des von Deutschen gesprengten Grunwald-Denkmals in Krakau. Ein größerer Obelisk aus Granit zeigt das Antlitz polnischer Krieger. Im Museum von Grunwald zeigt man Ausschnitte aus dem berühmten Historienfilm "Die Kreuzritter"/"Krzyzacy" von Aleksander Ford. Patriotismus pur, denn auch bei Polen gab es die "Gott-mit-uns"- Ideologie. Wir sitzen inmitten von Schülern. Polnische Schulklassen verhalten sich an solch besonderem Ort nicht anders als viele unserer Jugendlichen: Kaugummi kauend, Ohrstöpsel tragend, mit dem Handy spielend und beiläufig zuschauend. Ob auch mitdenkend? Hoffentlich. Bestimmt aber friedlich. Übrigens: Der höchste polnische Orden ist heute das "Krzy Grundwaldski" - das Tannenbergkreuz.
Bild 23 (Beil) Mahnend oder triumphierend? Das Grunwald-Denkmal
 
Schief ist genial
Die Mittagessen waren allenfalls als "kleiner Imbs" vorgesehen, doch auch im Hotel "Altana" direkt am Drewenzsee in Osterode/Ostroda müssen manche vor der Portion kapitulieren. Wir sind jetzt im Oberland, einer lieblichen Landschaft östlich der Weichselniederung, eiszeitlich geformt und reich an Hügeln. Um die Abgelegenheit des Oberlandes von den Hafenstädten am Meer zu verringern, baute der preußische Ingenieur Georg Steenke einen Kanal von Elbing am Haff ins Oberland. Die vielen Seen miteinander zu verbinden, war seine Idee. Genialer Gedanke dabei: Den Höhenunterschied von über 100 m nicht durch 32 Schleußen, sondern durch wenige schiefe Ebenen schneller zu überwinden. Die schiefe Ebene bei Buchwald/Bucyniec, wo auch ein Denkmal (Denk mal!) an den Erbauer erinnert, gibt uns anschaulichen Einblick in die Technik. Schiffe gleiten auf ein unter Wasser bereit stehendes "Fahrgestell", werden vertäut, und dann wirkt ein technisches Wunderwerk aus Zahnrädern, Schaufelrädern, Stahlseilen und Schienen ineinander. Es geht bergauf und wieder abwärts. Als Energie dient einzig die Wasserkraft selbst, die über ein kompliziertes Rädersystem übertragen wird. Eine kuriose Idee, deren Einzigartigkeit den preußischen König schließlich überzeugte und seine Schatulle öffnete. Nun konnten die Erzeugnisse des Oberlandes schneller und bequemer in die Stadt gebracht werden. Dabei spielte Holz eine besondere Rolle, als Energielieferant, für den Schiffbau, insbesondere auch für Schiffsmasten. Vorbei war der Boom, als die Eisenbahn kam. Nach einem langen Mauerblümchendasein blüht jedoch die Kanalschiffahrt heute während der Sommermonate wieder - dank des Tourismus.
Warum war Weizsäcker hier?
"Warum haben wir eine Herderstraße?", hat sich schon mancher gefragt. Hier in Ostpreußen liegt des Rätsels Lösung. Wir kommen nach Mohrungen/Morag, wo einer der großen Deutschen geboren wurde. Kleines Landstädtchen, gotisches Rathaus, in der Pfarrkirche ist gerade "Mission", ein historischer Rundwanderweg. "Papa" Johannes Paul II. besuchte Mohrungen nicht, aber Bundespräsident Richard von Weizsäcker war hier. In Mohrungen wurde nämlich Johann Gottfried Herder (1744-1803) geboren. Ihm haben Deutsche und Slawen einiges zu verdanken. Herder zählt mit Goethe, Schiller und Wieland zu den Weimarer Klassikern. Er wird als bedeutender Dichter, Übersetzer, Denker, Geschichtsphilosoph, Theologe, Psychologe, Literaturkritiker und Ästhetiker bezeichnet. Herder gilt als "Künder eines neuen, vom Entwicklungsgedanken beherrschten Lebensgefühls und schöpferischer Interpret von Sprache, Dichtung und Kultur eines Volkes aus ihren historischen Voraussetzungen und ihrer Bedingtheit durch Volkscharakter, Klima und Landschaft". Kurz: Herder gilt als Vater der Ethnologie. Weniger bekannt ist aber Herders Faszination für das Volkstum der slawischen Völker, deren Lieder er sammelte. Herders Slawophilie lässt ihn zur Identifikationsfigur für die deutsch-polnische Aussöhnung werden. Nicht zuletzt auf Herders Gedanken beruhen die Bemühungen der slawischen Völker im 19. Jh. nach einem eigenen Staat. Polen, Tschechen, Slowaken, Kroaten, Slowenen, Serben u.a. fanden durch Herder Anerkennung ihrer Kultur, Sprache, Dichtung und Musik. Diese Bewegung nicht demokratisch gelöst zu haben, war eine der Ursachen für den I. Weltkrieg, an dessen Ende in Ostmittel- und Osteuropa eine Reihe neuer Staaten entstand, auch Polen. Der Streit um Danzig und den polnischen Korridor wurde von den Nationalsozialisten schließlich als Vorwand für einen Krieg genommen, an dessen Ende Europa zerstört war, Millionen Menschen umgekommen sind oder vertrieben wurden und sich durch Deutschland der "Eiserne Vorhang" senkte. Heute ist Polen Mitglied der EU. In Mitteleuropa ist Friede.
Und nach den Kriegen in Ex-Jugoslawien steht fest, dass Frieden nicht ohne Recht und Freiheit möglich ist.
Mit diesen Gedanken kehren wir nach Danzig zurück.
Do widzenia, Danzig
Welch eine Wonne, strahlender Himmel und den Vormittag frei! Man bummelt nochmals, macht Einkäufe und sucht Mitbringsel, letzte Ansichtskarten müssen in den Kasten, nochmals im Hotel frisch gemacht, gemütliches Check-in im LOT-Büro gegenüber dem *** Hotel Hevelius. Wir weichen den Gästen einer Wurst- und Schinkenpräsentation in der Hotel-Lobby. Da lacht das Herz, und mit einem tränenden Auge sagen wir do widzenia, Danzig! Der Bus bringt uns zum Airport, kurze Wege, die letzten Zlotys müssen raus, 15.30 Uhr ist Take off. Über die Pommersche Seenplatte geht es Richtung Stettin, dann über die Oder, vorbei an Berlin und Leipzig, über den bewölkten Thüringer Wald und die Rhön hinab ins Rhein-Main-Gebiet. Glatte Landung, reibungsloser Transfer nach Rheinzabern, die Heimat hat uns wieder. Schön war es, und noch lange werden uns die Eindrücke beschäftigen. Und darauf ein letztes na zdrowie!

Bild 24 (Ohnemüller) Na zdrowie vhs Rheinzabern