Polen 2001
Eindrücke von einer Studienfahrt in unser östliches Nachbarland - Ein Bericht von Gerhard Beil

"Die beste Studienfahrt", war der einstimmige Tenor zur diesjährigen Studienfahrt der vhs-Rheinzabern in den Herbstferien. Vom 29.9. - 6.10. besuchte eine Reisegruppe unter Leitung von Ortsbürgermeister Gerhard Beil Polen, unseren Nachbarn im Osten. Es war eine besondere Reise, wie sie zuvor für die meisten Teilnehmer unvorstellbar schien. Was würde einem erwarten? Was wissen wir von diesem Land, seiner Geschichte, Kultur, seinen Menschen? Vorurteile, Klischees gab es viele. Müsste man sie abbauen oder nur bestätigen? Sollte das Gedicht von Maciej Kazimierz Sarbiewski (1595 -1640) über seine Landsleute doch stimmen?

Die Polen Tapfere Polen, / Gott anempfohlen,
Als Christen strenger, / Oft Müßiggänger.
Die meisten halten, / Heilig am Alten
Und jeder schmachtet, / Daß man ihn achtet.
Sie reden offen, / Weinen betroffen,
Sind ausgelassen / Und groß im Prassen:
Zechen und essen / Ohne Ermessen
An vollen Tischen, / Verschwenderischen,
Und alles Morgen / Macht sie nicht sorgen.
Wo sie verweilen, / Kommt's leicht zu Keilen.
Sie schimpfen später / Einen Verräter,
Der ihrem Zeuge / Sich nicht gleich beuge.
Doch sie verachten, / Gefangenschaften,
Sind rechtlich beflissen, / Treu dem Gewissen,
Lieben das Wahre, / Fürchten die Pfarre,
Sind unbegierig, / Dafür nicht rührig.
So ist das, bitte, / In Polen Sitte.
Nicht nur wegen des strahlenden Wetters und des hervorragenden Betreuers, Aleksander Stec, nicht nur wegen der guten Quartiere, des schmackhaften Essens und der Gastfreundschaft, sondern vor allem wegen der geographischen, historischen und kulturellen Vielfalt Polens waren die Eindrücke einmalig. Polen 2001 ist ein Land mitten in einem gewaltigen Umbruch, das machte es so interessant. High Tech und Russenmarkt nebeneinander. Überall wirken Spuren der Geschichte, überall erinnern Denkmäler an historische Erfolge, meist aber an Niederlagen. Was hat dieses Volk nicht alles mitmachen müssen! Überall aber auch Zeichen des Aufbruchs, als dessen Ziel der Eintritt in die EU angestrebt wird. Polen gehört zu uns. Mit Warschau, Krakau, Wieliczka und Auschwitz standen vier Orte des UNESCO-Weltkulturerbes auf dem Programm, nicht weniger jedoch beeindruckten die kleinen, weniger bekannten Ziele, manchmal schlicht und einfach, aber eindrucksvoll und von großem Einfluss auf das, was man die "Polnische Seele" bezeichnet.
Die Hauptstadt
Mit dem Jet steuerte man zuerst Warschau an, die Hauptstadt, das Paris des Ostens, dort wo das Geld verdient wird. Warschau pulsiert, ist zeitweilig schon eine der größten Baustellen Europas gewesen. Überall Spuren der Geschichte. Warschau ist aus den Ruinen des II. Weltkrieges wiedererstanden, aber ganz anders. Bombardements 1939, Ghetto-Aufstand 1943, Warschauer Aufstand 1944 haben bleibende Narben hinterlassen. Den historischen Stadtkern hat man vorbildgetreu rekonstruiert, der historische Marktplatz in der Altstadt -wieder ein Idyll. Ein Film im Museum zeigt einen kleinen Einblick in das Leiden der Menschen und der Stadt. Unvorstellbar. Beeindruckend die Johannes-Kathedrale, wo viele große Polen verehrt werden, besonders der frühere Primas Kardinal Wyszyinki. Das königliche Schloss wurde in sozialistischer Zeit wieder erbaut als Symbol für die polnische Nation, der man mit dem von Stalin "geschenkten" überdimensionalen Kulturpalast eine andere Identität aufdrücken wollte. Man verehrt König Johann Sobieski, der mit seinem Entsatzheer 1683 das von Türken eingeschlossene Wien und damit Europa befreite; seine Sommerresidenz Wilanów gehört zum Pflichtprogramm. Große Grünflächen weisen noch auf einstige Ruinenfelder hin, sie werden zum Teil durch neue Geschäfts- und Bürohäuser geschlossen. Um nach dem Kriege schnell Wohnraum zu schaffen, griff man zur bekannten Wohnblockbauweise. Wohnblocks auch dort, wo einmal das jüdische Ghetto war, ein Tiefpunkt in der europäischen Geschichte, als die Nazis Hunderttausende zusammenpferchten, durch Arbeit vernichteten bzw. von dort nach Treblinka ins Gas deportierten. Ein Denkmal erinnert uns, dort fand einst auch der berühmte symbolische Kniefall von Bundeskanzler Willy Brandt statt. Sehenswert auch der aszienki-Park mit dem Denkmal von Fryderyk Chopin, den man in Polen hoch verehrt und der im französischen Exil starb. Im Park seines Geburtshauses in elazowa Wola erleben wir ein romantisches Klavier-Konzert. Einmalig.
Mitten in Warschau kann man aber auch etwas für uns heute Unvorstellbares erleben: Eine Prozession zieht vorbei, auf einem langen Weg nach Norden, zur Stani as Kostka Kirche in oliborz. Hier verehrt man den vom polnischen Geheimdienst ermordeten Priester Jerzy Popie uszko, Inbegriff für den Sieg des Guten über das Böse. Polen 2001 hat viele Gesichter.
Niepokalanów
Zu den "Nationalhelden" zählt auch der Heilige Maximilian Kolbe. In Niepokalanów, der "Stadt der Unbefleckten", besuchen wir die Stätte, von wo er sein Werk verbreitete. Acht Messen sind an jedem Sonntag angesetzt. Eine kleine Gedenkstätte bringt uns Kolbes Werk näher. Seinen Namen trägt auch ein Hilfswerk der katholischen Kirche, das sich seit Jahrzehnten für die Versöhnung unserer beiden Nachbarvölker einsetzt. Maximilian Kolbe kam nach Auschwitz, opferte sich dort für einen Familienvater und endete nach tagelanger Folterhaft in der Todeszelle von Block 11 durch eine Phenolspritze.
Das ländliche Polen
Die Fahrt durch die Tiefebene Masowiens gibt uns Einblicke ins ländliche Polen, lässt einem auch Zeit zum Nachdenken: Kontraste, wie sie nicht größer sein könnten. Kleinste Parzellen, viele Flächen können nicht maschinell bewirtschaftet werden, sie liegen brach. Kleinbauern mit Pferdefuhrwerken, Minigehöfte, natürlich überall Hühner, Enten, Gänse. Viele Höfe nicht überlebensfähig, aber von besonders emotionaler Bedeutung für die Polen. Fast jeder, der in der Stadt wohnt, hat Verwandte auf dem Lande; sie trugen in der schlechten Zeit wesentlich zur Sicherung der Versorgung der Städter bei. Jeder Pole ist auch in seinem Herzen noch ein Bauer. Aus dieser Seelenlage heraus kommt auch das Faible für Pilze. Überall Pilzsammler oder kleine Verkaufsstände an den Straßenrändern. Landwirtschaft auf großen Schlägen findet man in den ehemaligen deutschen Ostgebieten, in Schlesien etwa, wo man Kolchosen nach russischem Vorbild anlegte, die aber in der Marktwirtschaft den Sprung in die Moderne nur mit großen Problemen schaffen dürften. 40 Jahre Sozialismus ließen vielfach die Eigeninitiative verkümmern. Ängste prägen die Menschen. Geht alles zu schnell? Sie haben bekanntlich keinen "großen Bruder" wie die neuen Bundesländer. Die Transformation zu Demokratie und Marktwirtschaft geht hier weniger harmonisch über die Bühne. Und es gibt für einen solchen historischen Wandel auch kein Drehbuch, das man nur aus der Schublade zu ziehen bräuchte. Kein Wunder, dass die Wahlen in diesem Lande auch immer wieder extreme Richtungsausschläge bringen, kein Wunder, dass die Menschen zu Politikern neigen, die einfache Lösungen anbieten. "Was nützt Demokratie, wenn man nicht satt wird, wenn die Arbeit fehlt?", ist eine berechtigte Frage. Kommen die alten Kader wieder aus den Löchern und sind schadenfroh? Die Polen sind stolz auf ihre errungenen Erfolge. Sie haben einer Weltmacht die Freiheit abgetrotzt. Aber sie brauchen Geduld und eine Perspektive. Kreativität und Flexibilität ist ihnen eigen. Sie werden die Zukunft bewältigen.
Tschenstochau
Das Paulinerkloster auf dem Jasna Góra in Tschenstochau gilt seit 600 Jahren als das geistige Herz Polens. "Himmel und Erde treffen sich hier", meint selbstbewusst Schwester Salvatora, die uns eindrucksvoll hinter die Kulissen führt, in Musum, Festsäle und gar in die Sakristei. Vor allen Beichtstühlen stehen Schlangen, Priester weihen Devotionalien fast im Akkord. 102 mal war Karol Wojty a schon hier, ehe er Papst wurde. Maria, Maximilian Kolbe, Popie uszko, Papst Jan Pawel II. ...immer wieder diese Verbindung -ein Stück der "polnischen Seele" eben. Selbst Russen und Nazis haben den Kult nicht verboten. Von einem "Ehrenplatz" aus verfolgen wir die Enthüllung der "Schwarzen Madonna", der Königin Polens. Der Uhrzeiger rückt vor, Fanfaren ertönen Himmels-trompeten ähnlich, Trommeln wirbeln, fromme, erwartungsvolle Blicke, auch viele Kranke sind zugegen: Die Schwarze Madonna wird enthüllt. Die Menschen sind verzückt. Auch unsere Reisegruppe kann sich der Atmoshäre nicht entziehen und stimmt ein Marienlied an. Tiefe Volksfrömmigkeit, Andacht und Glaube sind untrennbar mit Tschenstochau verbunden, leider aber auch die negativen Auswüchse des Heiligenrummels.
Ojcowski-Nationalpark
Durch den Ojcowski-Nationalpark, den kleinsten Polens, mit seiner besonderen Flora und Fauna, mit unzähligen Höhlen und bizarren Jurakalkfelsen, als deren imposantester die "Herkules-Keule" berühmt ist, wo die Kirche auf dem Wasser als besonderes Kuriosum gilt, fahren wir Richtung Krakau. "Land der Adlerhorste" wird die Gegend auch genannt, wegen ihrer vielen Burgen, die im 14. Jahrhundert vom polnische König als Schutzwall gegen Böhmen angelegt wurde.
1000-jähriges Krakau
Krakau am Oberlauf der Weichsel gilt als heimliche Hauptstadt Polens, eine Stadt der Kunst und Kultur, die sich so gerne von Warschau abhebt. In Krakau überlagern und mischen sich die Traditionen verschiedener Nationalitäten und Kulturen: Polen und Deutsche, Juden, Italiener, Österreicher hinterließen ihre Spuren. Krakau ist nicht einfach eine Stadt, es ist eine Idee. Jeder Stein hier ist Polen, heißt es. Krakau war europäische Kulturhauptstadt 2000. Ein Hauch von Habsburg umfängt uns, ein Hauch von italienischen Einflüssen in der Architektur. Der phantastische Marktplatz mit den Tuchhallen, die Marienkirche mir dem weltberühmten Altar von Veit Stoß und dem ergreifenden stündlichen Trompetengruß des "Hejnal", sie ziehen einem völlig in ihren Bann. Dazu Straßenmusikanten, strahlender Sonnenschein und 27 °C. Und überall junge Leute. Hun-derttausend studieren in Krakau, u.a. an der berühmten Jagiellonen Universität, einer der ältesten nördlich der Alpen. Wanda, unsere Stadtführerin, versteht es mit Wiener Zungenschlag besonders charmant, uns die Stadt mit Kopf, Augen, Ohr und Herz erleben zu lassen. Etwa die Jugendstilfenster von Wyspianski in der gotischen Franziskanerkirche, Alt und Neu nebeneinander. Ein Highlight erster Güte ist der Wawel mit Kathedrale und Schloss. Fast alle polnischen Herrscher wurden hier gekrönt und beigesetzt. Hier ruht aber auch Marschall Jósef Pi sudski, der 1920 im "Wunder an der Weichsel" die Russen besiegte. Seine Gruft ist größer als die eines jeden Königs. Im Schloss nebenan Kunstwerke und flandrische Teppiche en masse. Hier hielt auch Hans Frank Hof, Willkürherrscher im sog. Generalgouvernement während des Krieges, als Kriegsverbrecher 1946 hingerichtet, der den Auftrag hatte, das Polentum auszulöschen, dem Volk seine geistige Elite zu nehmen, es zu entwürdigen. Professoren, Ingenieure, Ärzte, Lehrer, Priester waren die ersten, die sterben sollten. Auschwitz war nicht weit weg, ganz in der Nähe jedoch Kazimierz, jüdischer Stadtteil Krakaus und Plaszów, das Konzen-trationslager. Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" erinnert an das schreckliche Geschehen hier. Juden gibt es kaum noch in Krakau, aber "Schindler-Tourismus". Heute ist Krakau eine lebendige Mischung spannender Gegensätze: ernst und humorvoll, alt und jung, konservativ und dynamisch -ein Spiegel der polnischen Seele eben.

Nowa Huta
Krakau, die Bürgerstadt hatte sich nach dem Kriege in einem Referendum gegen den Kommunismus ausgesprochen. Als "Dank" erhielt die Stadt einen Moloch vor die Haustüre gesetzt, die Lenin-Hütte in Nowa Huta, wo man neben einem gigantischen Stahlwerk auch eine sozialistische Musterstadt erbaute. Sie sollte atheistisch sein, ohne Gott, ein Gegenpol zur Kulturstadt Krakau. Die Kommunisten hatten die Rechnung jedoch ohne die polnischen Menschen gemacht. In Nowa Huta zogen Menschen vom Lande ein und verlangten bald nach einer Kirche. Lange Zeit sträubte sich der Staat dagegen. Dennoch wurde ihm zunächst eine Kirche abgetrotzt, auch wenn nachts immer wieder Bulldozzer die Anfänge zerstört hatten. Aus dem ganzen Lande schickten Menschen per Post Steine. Millionen Kieselsteine aus polnischen Flüssen zieren das Äußere der Kirche in Nowa Huta.

Papst Paul VI. schickte sogar einen Stein von Sankt Peter in Rom, der dann zum Grundstein eines beeindruckenden modernen Gotteshauses wurde. Die wie eine Arche Gottes gestaltete Kirche ist von großer Symbolkraft für das polnische Volk und dokumentiert in einst schwieriger Umgebung die Verbundenheit von Kirche und Heimat. Und auch hier in der "Arche des Herrn" der Vierklang Schwarze Madonna, Kolbe, Popie uszko, Papst. Beinahe hätten es die Kommunisten doch noch fertig gebracht, das altehrwürdige Krakau zu besiegen. Bei Ostwind wurde die Altstadt von Staub, Ruß und Schwefel des Stahlwerks überzogen, wurde grau. Westwind brachte zusätzlich die Immissionen aus dem oberschlesischen Industriegebiet. Vielleicht ist die Rettung der historischen Substanz auch der Tatsache zu verdanken, dass gerade hier in Krakau die weltweit erste Fakultät für Denkmalschutz eingerichtet worden war, so dass Fachleute vor Ort üben konnten, die Stadt vor der Zerstörung zu bewahren. Krakau war einmal die Stadt des Hustens und der grauen Tage. Heute ist die Luft sauberer, die Farben halten und verströmen Optimismus. Die Stadt pulsiert.

Weißes Gold in Wieliczka
Krakaus einstiger Reichtum ist nur erklärlich, wenn man um die Bedeutung der Salzgrube im nahen Wieliczka weiß. Seit Jahrzehenten unter UNESCO-Schutz, besuchen jährlich mehr als 800 000 Besucher das unterirdische Labyrinth, dessen Ursprung der Legende nach auf die ungarische Prinzessin Kunigunde (Kinga) zurück geht, die das Salz entdeckt haben soll. Die unterirdischen Höhlen und Grotten, Seen, Stollen und Abgründe beeindrucken stark. Ein Museum versucht Vorstellungen zu vermitteln, wie jahrhundertelang das Salz mühselig abgebaut wurde. Doch Salz ward wie Edelmetall bezahlt. König und Magnaten bauten mit den Einnahmen eine wunderbare Stadt und förderten Kunst und Kultur. Absoluter Höhepunkt war die riesige Kinga-Kapelle mit phantasievollen Reliefs und Skulpturen, an deren Vollendung die Bergleute 32 Jahre lang arbeiteten. Heute gibt es hier sogar Konzerte und Gottesdienste. Irgendwann freilich, so fürchten Fachleute, könnten die Kunstwerke so glatt wie die Wand werden, denn menschlicher Atem zersetzt die Salzkristalle und lässt sie schmelzen.

Oswiecim / Auschwitz
Wie kaum eine andere Stadt leidet das 700-jährige Oswiecim unter den Ereignissen, die sich hier von 1940-1945 abspielten. Die Stadt wird schier erdrückt vom Namen der schrecklichsten und größten Vernichtungsmaschinerie: Auschwitz. "Arbeit macht frei", steht über dem Torbogen der Einfahrt. Frei war in diesem System nur der Tote, der dir Qualen überstanden hatte. Durch Arbeit erniedrigen und vernichten, war die NS-Zielsetzung. Schändlich die medizinischen Experimente. "Kanada" hieß ein Lagerteil wegen seines "Reichtums". Zwischen gesprengten Überresten von vier Krematorien fanden die sowjetischen Befreier nach der Befreiung am 27.1.1945 einige Baracken mit 348 820 Herrenanzügen, 836 255 Damenkleidern, 5525 Paar Damenschuhen, 38 000 Paar Herrenschuhen, 13 964 Teppichen, 69 848 Tellern, Unmengen von Zahnbürsten, Rasierpinseln, Brillen und Gebissen und Prothesen und sieben Tonnen Haaren. Warenmuster von Stoffen, in denen menschliches Haar verarbeitet war, sind auch zu sehen. Wenn all die Teile sprechen könnten.

Vernichtungsfabrik Auschwitz. Es verschlägt uns die Sprache. Margareta Urbaniak, eine junge Historikerin, führt uns sachlich korrekt. Sie weiß, die Bilder sprechen für sich, sie muss nicht noch dramatisieren. Einen Moment gerät die Gruppe in Verlegenheit, als sie beim Verlassen eines Blockes eine israelische Schülergruppe passieren muss, die auf Spuren des Holocaust unterwegs sind. Denkwürdige Momente ebenso, als man diese Gruppe schweigend über die Gleise der Rampe von Auschwitz-Birkenau ziehen sieht.

Hier verlieren sich 1942 auch die Spuren von Edith Stein. Die Sowjetarmee nutzte Birkenau anschließend als Kriegsgefangenenlager für deutsche Soldaten. Nach einem Jahr ließ die polnische Regierung die hölzernen Baracken, einst letzte "Wohnung" Hunderttausender Juden aus ganz Europa, als Unterkünfte für die Bauarbeiter von Warschau abtransportieren. Die von jeder Baracke verbliebenen zwei kleinen Öfen bildeten gemeinsam eine gespenstische, trostlose und schweigende Landschaft aus Hunderten von Schornsteinen. Auschwitz 2001 -Gedanken an die akute Gewalt in der Welt werden wach. Friede gibt es nicht zum Nulltarif, sondern er muss stets neu errungen werden. "Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen", gilt nur, wenn andere dies akzeptieren.

Schlesien -Land an der Oder
Durch das oberschlesische Industriegebiet geht es in die Schlesische Tiefebene, ins Land links und rechts der Oder. Der Annaberg überragt das Oppelner Land. Er ist ein Symbol für die deutsch-polnischen Konflikte in diesem Jahrhundert. Kriege, Vertreibungen, Heimat... Begriffe machen sich hier fest an diesem historisch belasteten Fleckchen Erde. Wie sinnlos der übersteigerte Nationalismus sich auswirkte, zeigt sich hier in einem seit Jahrhunderten sprachlich und kulturell gemischten Raum, wo Deutsche, Polen u.a. zusammen lebten, arbeiteten, sich liebten, heirateten. Hier am Annaberg wollte sich 1989 Kanzler Helmut Kohl mit seinem polnischen Kollegen und Freund, Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki treffen. Die Zeit war damals noch nicht reif. Heute denkt man anders, denn vom Annaberg gehen viele positive Impulse aus. Die Deutschen in Schlesien sind als Minderheit anerkannt und genießen im polnischen Sejm Minderheitenschutz. Pater Leon erklärte die Verehrung der Heiligen Anna, die von Deutschen und Polen gleichermaßen gepflegt wird. Religion betont meist das Gemeinsame, die Politik das Trennende zwischen Deutschen und Polen. Viele sagen heute schlicht und einfach: Wir sind Schlesier.

Wroc aw/Breslau
Breslau, poln. Wroc aw, Metropole Schlesiens, ist heute zweifellos eine polnische Stadt geworden. Der Krieg hat viele schmerzliche Lücken geschlagen, die bis heute noch nicht überall geschlossen sind. Der Wiederaufbau ging nur schleppend voran, zumal die Deutschen vertrieben oder geflüchtet waren und die polnischen Neubürger die Stadt zunächst nicht annehmen wollten. Nach Breslau waren viele unfreiwillig gekommen, entweder als Arbeiter mehr oder weniger hierher verpflichtet oder als Vertriebene aus der Gegend von Lemberg in der Ukraine. Die gesamte Lemberger Universität samt der wertvollen Bibliothek ist heute in Breslau angesiedelt. Trotzdem wurde noch viele Jahrzehnte von Regierungsseite die Angst vor der Rückkehr der Deutschen geschürt, obwohl bereits in den 50-er Jahren die deutschen Vertriebenen ihre berühmte Charta verkündet hatten. Zuerst baute man die Kirchen auf. Über 80 zählt die Stadt heute. Die bekanntesten stehen auf der Dominsel, dem geistigen Zentrum der Stadt. Dom und Sand-Kirche sind die Perlen.

Prachtvoll das Ensemble um das gotische Rathaus, den Rynek/Ring, das Wahrzeichen der Stadt. Vielfach sieht man auch Veränderungen. Breslau ist eine der westlichsten polnischen Großstädte und profitiert angesichts durchlässiger Grenzen sicherlich von seiner Nähe zu Deutschland. Von besonderem Interesse erweist sich ein historisches Monumentalbild, das Rundgemälde von Rac awice, das den Sieg der Polen unter Tadeusz Kosciuszko über die Russen im Jahre 1794 verewigt. Eine Schlacht war zwar gewonnen worden, doch ein Jahr später ver-schwand Polen für fast 125 Jahre von der politischen Landkarte Europas. Die Schlacht bei Rac awice aber gehört zum polnischen Mythos und trug wesentlich zur Identitätsstiftung für das Volk ohne Staat bei. Ursprünglich 1894 in Lemberg errichtet, kam das Bild nach dem II. Weltkrieg nach Breslau, durfte in kommunistischer Zeit wegen seiner Brisanz aber nicht gezeigt werden. Solidarno und die Freiheitsbewegung haben dem Staat aber die Zustimmung abgetrotzt, das Rundgemälde öffentlich zu zeigen. Deutsche kommen selten hierher, an einen Ort von besonderer Bedeutung für unsere Nachbarn. Wir aber sind besonders ergriffen von einem Stück "polnischer Seele".

Trebnitz
Schlesien darf man nicht verlassen, ohne an diesem besonderen Ort geweilt zu haben: Auf Spuren der Heiligen Hedwig von Schlesien in Trebnitz. Am Herz-Jesu-Freitag ist natürlich die Kirche gut besucht. Schwester Beata führt uns in die Krypta der Kirche und zum Grab der Heiligen Hedwig, deren Gatte vor rund 800 Jahren das erste Frauenkloster in Schlesien gegründet hatte, ein Zisterzienserinnen-Kloster. Heute wirken hier Borromäerinnen. In Trebnitz seien viele Wunder geschehen, Wunderkraft würde auch dem Wasser aus Trebnitz zugeschrieben. Die Klosteranlage, auch ein Musterbeispiel für schlesischen Barock, wurde vor kurzem mit Mitteln der deutsch-polnischen Zusammenarbeit renoviert. Für uns die kulturelle Brücke zu spüren, die vom Christentum geschaffen wurde, die es auch heute noch den Polen leichter als anderen osteuropäischen Völkern macht, den Anschluss an Europa zu finden. Hedwigs Segen möge Schlesien beschützen.

Wenn einer eine Reise tut...
Reisen werden auch im Kopf unternommen, individuelle Empfindungen, und jeder behält viele seiner Eindrücke ganz allein für sich. Nicht allzu oft dürfte es vorkommen, dass jemand so viele neue Eindrücke bekommt, wie es während einer Woche in Polen der Fall gewesen ist. Es gibt unendlich viel zu erzählen, und es stellen sich immer wieder neue Fragen. Die vhs-Reisegruppe verließ Polen mit gewissem Wehmut. Unerwartete Eindrücke hatte man bekommen. Vieles bedarf noch längerer Zeit, ehe es verarbeitet ist. Mit neuem Blick schaut man auf Polen, seine Menschen und alle Informationen, die man von unserem Nachbarn im Osten bekommt. Schauen wir auf das Verbindende. Es ist weit umfangreicher als wir bisher wussten. Damit bedeutet diese Tour auch ein Stück europäischer Verständigung und Versöhnung. Darüber waren sich alle klar. Und man war sich einig: Bald schon will man in einer zweiten Studienfahrt den Norden Polens kennen lernen. Kein Geheimnis, dass der vhs-Leiter daran schon arbeitet.