VOLKSHOCHSCHULE RHEINZABERN
IN DER KREISVOLKSHOCHSCHULE GERMERSHEIM

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Studienreise in die Normandie
vom 10. - 17. Oktober 2010

Ein Bericht von Gerhard Beil

"Keiner kommt von einer Reise so zurück, wie er weggefahren ist" (G. Greene). Dies trifft auch für die jüngste Studienfahrt der vhs-Rheinzabern in die Normandie zu. Sicher chauffiert von Tobias Kreichgauer, Fichtenkamm-Reisen Rheinzabern, souverän geführt von Guide Lydia Henkel, Paris, und begleitet vom richtigen Wetter wurde die Fahrt zum großartigen Genuss mit allen Sinnen, von dem die Reisegäste noch lange zehren werden.

Um in die Normandie zu gelangen, heißt es zuerst, das "Land dazwischen" zu durchqueren: Viel blutgetränkte Erde in Lothringen und der Champagne, für immer gekennzeichnet durch Namen wie Spichern, Gravelotte, Verdun, die Maas, die Marne, Valmy oder die Katalaunischen Felder. Der Dichter Paul Verlaine - er wird uns nochmals begegnen - schreibt über seine Heimat: "Es gibt in Frankreich ebenso schöne Landschaften. Vielleicht gibt es keine schöneren, vor allem keine französischeren. Denn dieses Land ist ein Frankreich im kleinen, eine geglückte Zusammenfassung unseres Vaterlandes.
Kreide, Ton, vorzügliche Ackerböden, Wälder und alles übrige..." Und es steht für Patriotismus. Nicht zuletzt wirkte auch hier die Nationalheilige Jeanne d'Arc, der große Charles de Gaulle schöpfte im "wahren Frankreich" Kraft und verbrachte in Colombey-les-deux-Églises seinen Lebensabend.
Die "Schöne Schlafende"
Etwas abseits der Krönungsstadt der französischen Könige, Reims, liegt an der Marne die alte Hauptstadt Châlon-en-Champagne. Bis ins 19. Jahrhunderte galt die Stadt als "schöne Schlafende". Von Châlon aus rief anno 1147 Bernard von Clairvaux zum Kreuzzug auf. An die mittelalterliche Größe als Messestadt erinnern etliche sakrale Sehenswürdigkeiten, beispielsweise die romanisch-frühgotische Stiftskirche Notre-Dame-en-Vaux, deren älteste Spuren Anfang des 12. Jh. liegen. Nicht nur hier werden wir die Bilderstürmerei der Französischen Revolution zu beklagen haben. Schlichter Innenraum mit **-Prädikat, romanische Kapitelle, darüber Spitzbögen, harmonische Verbindung der unterschiedlichen Stilelemente.
Obwohl über eine Bauzeit von mehreren Jahrhunderten entstanden, erscheint das Gotteshaus wie aus einem Guss. Und besonders schöne Fenster leuchten uns an. Unser erster Blick gilt dem Jakobsfenster mit dem siegreichen Kampf gegen die Mauren - dank der Hilfe des hl. Jakobus. Einer der zum UNESCO-Weltkulturerbe zählenden französischen Jakobswege führt durch Châlon. Sein Anfang liegt unweit der Stadt, mitten in den Feldern der Champagne, wo schon von weitem die im Flamboyantstil erbaute Wallfahrtkirche Notre-Dame de l'Épine zu sehen ist. Mit dem Wunder der "Jungfrau im Dornbusch" setzte im Mittelalter eine Wallfahrt ein, die bis in unsere Tage gepflegt wird. Notre-Dame-l'Épine- ein Meisterwerk voller Schmuck und Zierat, Fialen und Fabelwesen, Wasserspeier und Statuen, weshalb Victor Hugo von der "erstaunlichsten Blüte der gotischen Baukunst" schwärmte. Dabei gilt der in Frankreich zur Hochblüte entwickelte "gotische Stil" als barbarisch - allerdings von Italien aus gesehen, von wo man gerne überheblich auf alles herab schaute, was sich nördlich der Alpen entwickelte.
 
Zweimal Waggon d'Armistice
Ein gelungener Auftakt, ehe die Reise nach Compiègne führt, seit den Merowingern einer der Lieblingssitze französischer Könige. Hier geriet Jeanne d'Arc in Gefangenschaft. Im Wald von Compiégne fanden innerhalb von knapp 12 Jahren zwei denkwürdige deutsch-französische "Begegnungen" statt. Der "Waggon d'Armistice" erinnert daran, dass hier am 11.11.1918, 5.00 Uhr, durch den deutschen Staatssekretär Matthias Erzberger die Kapitulation des Wilhelminischen Kaiserreichs (Wilhelm II. hatte seit 1902 auf eine europäischen Krieg gedrängt !) unterzeichnet wurde. Damit endete der für Frankreich "Grand Guerre" genannte I. Weltkrieg als Pyrrhussieg, der nur dank alliierter Hilfe aus USA und England erreicht werden konnte. Nordostfrankreich lag in Schutt und Asche, während der Verlierer Deutschland am Kriegsende keinen feindlichen Soldaten auf seinem Boden sah. Frankreichs Nachkriegspolitik im Zusammenhang mit dem Vertrag von Versailles 1919 fußt vor allem auf den Erfahrungen des Traumas "Grand Guerre" 1914-1918. Nach Jahren der dt.-frz. Annäherung und dem Friedensnobelpreis für die Außenminister Stresemann (D) und Briand (F) im Jahre 1926 folgte jedoch bald die NS-Expansionspolitik zur Revision des von den "Novemberverbrechern" akzeptierten "Versailler Diktats". Auch die auf den Erfahrungen des I. Weltkrieges aufbauende Konzeption der Maginot-Linie bot keinen Schutz, als die NS-Kriegsmaschinerie im Mai 1940 unser westliches Nachbarland überrannte. Am 22.6.1940 wiederholen die Deutschen das gleiche Zeremoniell wie im November 1918 - im gleichen Eisenbahnwaggon, der eigens von seinem Platz im Ehrenhof des Invalidendoms zu Paris hierher geschafft wurde. Hitler und andere Nazi-Größen sind anwesend. Infolge des Sieges über Frankreich schmeicheln fortan manche Hofschranzen Hitler als "Größten Feldherrn aller Zeiten", Kritiker hingegen bezeichnen ihn spöttisch als "Gröfaz", der Deutschland ins Verderben führen sollte.
 
Rouen - Kandidatin fürs Weltkulturerbe
"Rouen ist entzückend". Dieses Zitat von Theodor Fontane eilt uns voraus. Gegen Abend erreichen wir die ehrwürdige und zugleich moderne Hauptstadt der Normandie, wo bei einem ersten abendlichen Bummel den Reiz der Altstadt entdeckt werden kann. Die Agglomeration Rouen, an der Seine gelegen, zählt ca. 400 000 Einwohner. Am rechten Ufer liegt die "Museumsstadt", der historische Stadtkern. Stadtführerin Silvia - schwäbischer Zungenschlag unverkennbar - erweist sich als begeisterte Kennerin ihrer Stadt, deren historischer Kern das größte Fachwerkensemble weit und breit enthält. Seit 1972 ist in der malerischen Innenstadt die erste Fußgängerzone Frankreichs. Grund genug, Rouen auf die Kandidatenliste des UNESCO-Weltkulturerbes zu setzen. Silvia beginnt auf dem mittelalterlichen Pestfriedhof von Saint-Maclou, wo einmal drei Viertel der Bevölkerung bestattet werden mussten. Heute inspiriert das herrliche Fachwerkensemble die Kunststudenten. Beim weiteren Gang durch die engen Gassen ist natürlich "sie" überall gegenwärtig: Johanna von Orleans, Jeanne d'Arc, der in den Wirren des Hundertjährigen Krieges in Rouen der Prozess gemacht wurde. Am 30.5.1431 loderte auf dem Alten Markt la Pucelles Scheiterhaufen. An seiner Stelle steht heute ein großes Kreuz. Im 18. Jh. wurde Jeanne d'Arc rehabilitiert, im Jahre 1920 sogar heilig gesprochen. Am Platz ihres Martyriums wurde zu Ehren der Heiligen Johanna eine gewagte Kirche in der Form eines Fisches gebaut, die mittelalterliche Glasfenster der 1944 zerbombten Kirche Sankt Vincent aufnimmt, aber doch Neues symbolisieren soll. Insbesondere sollen das aufragende Dach die Rauchwolken des Scheiterhaufens, das Gewölbe im Innern die auflodernden Flammen symbolisieren.
Ein gelungenes Bauwerk, das eigene Akzente setzt - und vor allem zum Nachdenken anregt. Überhaupt gibt es gut zwei Dutzend Kirchen in der alten Erzbischof-, Hafen- und Tuchmacherstadt, die Jahrhunderte lang nach Paris die Nummer Zwei Frankreichs. Vom wunderschönen Rouen schwärmte Victor Hugo zu Recht als Stadt "...der hundert Kirchtürme, deren Glockengeläut himmelan schwingt.." Ein Blick ins majestätische Innere von Notre Dame, einem der schönsten Beispiele gotischen Kathedralenbaus, zeigt einmal mehr, wie klein wir Menschen sind. 56 Glocken lassen Engelsgesang erschallen. Der Kirchturm gilt mit 151 m als höchster in Frankreich. Kostbare Glasfenster sind zu bewundern. Hier ruhen Rollo, der erste Herzog der Normandie, und das Herz von Richard Löwenherz, König von England, zu dem ja einst die Normandie gehörte. Der "Butterturm" verleiht der wunderbaren Fassade besondere Akzente. Angeblich soll er mit Geld bezahlt worden sein, das fromme Esser in der Fastenzeit als "liebe" Buße für ihre lässliche Schlemmerfreuden gespendet hatten. Fast 30 mal wurde die Kathedrale von Claude Monet verewigt. Stolz der Stadt und zweifellos eines seiner schönsten mittelalterlichen Gebäude ist das ehemalige Parlament der Normandie, heute Justizpalast, unter dessen Hof das älteste jüdische Bauwerk Frankreichs zu finden ist. Auch eine Rast an der berühmten Großen Uhr, einem Kultobjekt der Stadt, lässt den einstigen Reichtum und Ruhm der Hafenstadt erahnen. Zum Ruhm Rouens trägt sicher auch der Dichter Pierre Corneille bei.
 
Rollo und "Wickie"
Das erzbischöfliche Rouen und eine Reihe von Abteien entlang der Seine sind besondere Prunkstücke des Karolingerreiches, bis anfangs des 9. Jh. Wikinger in den Nordwesten Frankreichs eindringen und mit ihren wendigen Schiffen über die Seine bis nach Paris vordringen. Ihr Häuptling Rollo ließ sich in Rouen nieder, unternahm zunächst noch weitere Raubzüge, ließ sich dann aber taufen. Anno 911 ernannte der König von Frankreich den Wikingerhäuptling Rollo zum "Herzog Robert", die Gegend hieß fortan Normandie. Bis zur Französischen Revolution hatte die Normandie Sonderrechte, die Charte aux Normands. Rollos Nachfolger vergrößerten das Herzogtum, das vor allem unter Wilhelm dem Eroberer blühte. 1204 wieder an Frankreich gekommen, war die Normandie während des 100-jährigen Krieges zwischenzeitlich englischer Besitz, ehe sie im Jahre 1469 unter Ludwig XI. endgültig in französisch blieb. Die Wikinger indes führten lange ein hartes Leben, romantisch war es nicht. Vor 1000 Jahren galten sie als Inbegriff des grausamen Kriegers, heute sind sie Protagonisten für Kinderbücher und Kuschelpuppen. "Wickie" ist in. Doch das Leben der echten "Wikies" war hart. Neugeborene, die schwach erschienen, wurden bereits unmittelbar nach der Geburt dem Tod überlassen - vor der ersten Nahrungsaufnahme bzw. bevor der Vater das Kind zum ersten Mal vom Boden erhob! Ab 7 Jahren galten Wikingerkinder als volle Arbeitskraft. Oft mussten Clans auswandern, um überleben zu können. Der Kampf war Lebensinhalt. Kinder waren auch Augenzeuge, wenn Unterworfene versklavt wurden. Wikinger kämpften wie "Berserker" - mit Wahnsinnskräften wie ein Bär. Nicht selten wurden Kinder in andere Sippen zur Obhut gegeben, besser gesagt in Geiselhaft, womit Streit zwischen den Sippen vermieden werden konnte.
 
Ich male wie der Vogel singt
Am Nachmittag führt uns der Weg nach Giverny, ins Gartenreich des Malers Claude Monet. Marc Chagall soll ihn "Michelangelo der Neuzeit" genannt haben. "Ich male wie der Vogel singt", wird Monet in den Mund gelegt. Gärten und Wasser dienen ihm als Inspirationsquelle. Von 1883 bis 1926 lebte der "Impressionist" in Giverny, doch erst seit den 70-er Jahren wurde die Anlage aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Auch an einem ruhigen Herbsttag lässt sich der Trubel erahnen, der hier im Sommer herrscht, denn Giverny gehört zur "Pflicht" jedes Normandiereisenden - nicht nur wegen der legendären Seerosenbilder. Monet zählt zu den Malern, die es nicht nach Süden zieht, viel mehr schätzt er das Licht, die Wolken, die Farben des Nordens.
In der Normandie findet man die Reize eines aufgewühlten Himmels oder einer Regenlandschaft im Überfluss. Weiße Klippen, wogende Wellen, weites Hinterland, windgekrümmte Bäume, einsame Ebenen - die Normandie inspiriert. Maßgeblich beeinflusst wird Claude Monet von Eugène Boudin, dem "König der Himmel" und Maler des mondänen Lebens der Belle Epoque. Er zeigt Monet den Weg zur Landschaftsmalerei. In Giverny entstehen Höhepunkte des Impressionismus, voran die Seerosenbilder, an denen Monet bei jedem Wetter und zu jeder Tageszeit malt, um alle Varianten des Lichts einzufangen.
 
Mythos Löwenherz
Mit Minnesang werden wir auf Richard Löwenherz (1157-1199) eingestimmt, der in der Normandie höchst populär ist und ein bewegtes Leben sein Eigen nennt. Er war selber Troubadour und galt als "Frauenschwarm". Mythos umgibt ihn bis heute, nicht nur die Sage vom treuen Sänger Blondel, der den gekidnappten König auf dem Trifels - in Österreich ist es Burg Dünstein in der Wachau - gefunden haben soll. Schier uneinnehmbar wie ein Adlerhorst liegt Château-Gaillard oberhalb von Les Andelys an einer Seineschleife. Die Burg diente ab 1196 als normannisch-englisches Bollwerk gegen Frankreich. Schon 1204 gelang es jedoch dem franz. König Philipp August die normannische Festung einzunehmen, wobei die Eroberer der Sage nach durch die Latrine in die Burg eingedrungen sein sollen. Kurz darauf nahmen die französischen Truppen auch Rouen ein. Die Mühen des steilen Anstiegs werden mit einem phantastischen Panoramablick belohnt.
 
An der Alabasterküste
Zu den berühmtesten Naturschönheiten Frankreichs zählen die Kreideklippen von Étretat an der Alabasterküste. Zu allen Tageszeiten hat Claude Monet dieses Naturschauspiel gemalt. Ein strammer Wind lässt die Wogen auch bei Ebbe rauschen und die Gischt aufbrausen, so dass die Arbeit der Elemente zu erahnen ist. Windgeschützt hingegen liegt das Touristenstädtchen in einer natürlichen Mulde. André Gide, Jacques Offenbach, Alexandre Dumas oder Guy de Maupassant machten den Ort berühmt.
An Tagen wie heute genießt man die zu Ende gehende Saison. Nach kurzer Rast am Wasser - Salzgeschmack liegt in der Luft, die Wangen prickeln - zieht es uns ohne Halt hinauf zu den steilen Hängen, um die Urgewalten der Natur zu beobachten, sich durchblasen zu lassen - und den herrlichen Ausblick zu genießen. Die "Falaise d'Aval" ähnelt einem Elefanten, der seinen Rüssel ins Wasser taucht. Davor ragt eine 70 m hohe Felsnadel aus dem Meer. In Jahrmillionen schuf die Erosion ein Wunderwerk der Natur. Gegenüber, auf dem "Falaise d'Amont" grüßt uns die Seemannskapelle Notre-Dame-de-la-Garde. Ein Wunder, dass eines der berühmtesten Bilder Claude Monets aus Étretat stammt?
 
Odeur du chévre auf " Manoir Cateuil "
Auf der Hochebene des noch agrarisch geprägten Pays de Caux besuchen wir - unweit von Étretat - in Le Valaine das historische "Manoir Cateuil" mit einem typisch normannischen Taubenhaus. Bernard und Agnès Dherbécourt empfangen uns auf ihrer Ziegenfarm, wo uns zunächst ein strenger "Odeur" entgegen schlägt, der aber gleich verfliegt, als der Patron in einer unterhaltsamen Performance mit französischem Akzent über "Zicken" und alternative Landwirtschaft mit geschlossenen regionalen Produktionskreisläufen erzählt: Saftige Weiden, Verfütterung selbst angebauten Getreides, tierischer Dung zur Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit, Verkauf an Gaststätten in der Region. Bei einem kleinen Picknick auf einem ehemaligen Heuboden kosten wir die Ziegen-Produkte - vom Käse bis zu Pralinen und Ziegenmilcheis - in zig Variationen. Cidre aus eigener Produktion rundet den Imbiss ab und steigert die Stimmung. Da gibt es nichts zu meckern.
 
Ein Zaubertrank der Normannen
Nach kurzer Fahrt erreichen wir das Fischerstädtchen Fécamp, doch interessieren uns weniger die Meeresfrüchte als ein "Gottesgeschenk", wie es ein Glasfenster im kuriosen Fin-de-Siecle-Palast von Monsieur Alexandre le Grand andeutet, wo ihm ein Engel das Rezept für ein weltberühmtes Getränk zu übergeben scheint: "Benediktiner" - ein köstlicher Likör mit ca. 40% Alkohol, der zu allen Gelegenheiten schmeckt und als "Zaubertrank der Normannen" gilt. Bereits 1510 stellte in Fécamp ein Mönch ein Kräuterelixir her, worüber König Franz I. ein "Donnerwetter, nie habe ich etwas besseres gekostet!" in den Mund gelegt wird. Etwa 350 Jahre später wird der Händler Alexandre le Grand den "DOM Bénédictine" als geschützte Marke zu Weltruhm führen. Das Geheimnis des Likörs liegt in der Mischung von 27 Kräutern und Gewürzen aus aller Welt, wobei Engelwurz, Eisenkraut und Melisse eine besondere Bedeutung zukommt. Allenthalben wird dem Elixir auch Heilkraft zugebilligt. Eine Kostprobe beweist: Die Werbung verspricht nicht zuviel. Und auch der prachtvolle Palais Bénédictine ist Ausdruck für den Erfolg des Produktes, das sich von Fécamp aus in alle Welt verschiffen ließ. Die Verbindung von Kunst und Industrie fördern das Marketing. Das Kunstmuseum ist von unschätzbarer Bedeutung. Alexandre le Grand benutzte neue Werbemittel, wobei den Jugendstilplakaten von Alfons Mucha oder Lopes Silva Kultcharakter zukommt. In einer Galerie Zeitgenössischer Kunst stellten schon Miro, Niki de Saint-Phalle, Braque oder Andy Warhol aus. Das Palais Bénédictine, so die Firma, sei nach dem Mont Saint Michel eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Normandie! Auf den Flaschen brachte Monsieur le Grand - nicht zufällig - die Devise "DOM" an - "Deo Optimo Maximo", der Losspruch des Benediktinerordens. Nach vier Generationen in Familienbesitz ist die Firma heute unter dem Dach von Bacardi-Martini angesiedelt, einem der weltgrößten Spirituosenhersteller. Bevor die Kostprobe beginnen kann, führt der obligatorische Weg durch das kuriose Reich des Alexandre le Grand, ein Museum mit wertvollen Sammlungen verschiedener Couleur, vorbei an Brennkesseln und durch Lagerkeller. Dann endlich können wir uns an "Benediktiner" laben oder allerlei Leckereien kaufen - originelle normannische Mitbringsel.
 
"Phoenix aus der Asche"
Wir sagen der Haute-Normandie "au revoir und nicht adieu", wie unser Guide einprägsam wiederholt, um in der Basse-Normandie weiter zu "studieren". Zunächst kommen wir in eine der größten Hafenstädte des Kontinents, nach Le Havre, wo Seine und Atlantik verschmelzen. Über den "Umschlagplatz der Sehnsucht" führte Jahrzehnte lang auch der Weg vieler pfälzischer Auswanderer in die Neue Welt. Über le Havre kehrten 1945 unzählige deutsche Soldaten aus amerikanischer Gefangenschaft nach Europa zurück, ehe sie z.B. über Tübingen in die französische Besatzungszone überführt wurden. Im nahen Bolbec allerdings erlebten Abertausende Prisoners of War - P.W. - für einige Wochen das "Vae Victis!" eines berüchtigten Lagers, das von Februar 1945 bis August 1946 in Betrieb war. Vielen deutschen P.W. bleibt es in ewiger Erinnerung, und erst mit den Jahren wird vielen offenbar, was geschehen war. Am Ende des Krieges lag Le Havre in Schutt und Asche. Im September 1944 - Paris war schon befreit! - waren es alliierte Bomber, die hier die deutsche Wehrmacht vertreiben wollten. Innerhalb weniger Stunden sterben gut 5000 Menschen, 12 500 Gebäude - die Hälfte aller Gebäude - verschwinden in Bombenhagel und Feuersbrunst, 80 000 Menschen verlieren Hab und Gut, sind obdachlos. Den Rest besorgten deutsche Sprengkommandos im Hafen. Doch die Stadt mit dem Feuersalamander im Wappen stand wieder auf - im wahrsten Sinne wie Phoenix aus der Asche. Im 16. Jh. als Hafen an der Mündung der Seine in den Ärmelkanal gegründet, ist Le Havre ein Tor zur Welt, im 18. und 19. Jh. vor allem zu den unzähligen frz. Kolonien. Kolonialwaren und Sklavenhandel brachten der Stadt immensen Reichtum. Heute sollen hier die größten "Pötte" vor Anker gehen können, was bei dem beträchtlichen Tidenhub am Kanal nicht einfach ist. Der Wiederaufbau Le Havres im Stile des "funktionalen Klassizismus" erfolgte nach dem einzigartigen Masterplan des Architekten Auguste Perret. "Mein Beton ist schöner als Stein", meinte Perret einmal. Auch Oskar Niemeyer, der Planer von Brasilia, verwirklichte sich in Le Havre. Nichts sollte mehr an die Enge des 19. Jahrhunderts und an normannische Fachwerktradition erinnern, stattdessen - abgetrennt von geographischen und historischen Bezügen - eine kosmopolitische Zukunft. Mit dem Neubau der Stadt sollten nicht nur die städtischen Funktionen wieder hergestellt, sondern zugleich auch ein sozialer Umbau bewirkt werden. Eine komplett neue Stadt wuchs über den Ruinen des alten Le Havre: Hell, luftig, menschenwürdig, mit Strom und fließend Wasser für alle. Ganz im Geist von Le Corbusiers. So ist es nicht verwunderlich, dass diese Stadt wegen des Einsatzes der modernen Materialien Beton und Stahl unter UNESCO-Weltkulturerbe gestellte wurde. Eine Stippvisite in der Église St-Joseph - neben dem Rathaus der einzige zentrale Einzelbau - beeindruckt ob ihrer Größe und Schlichtheit in Stahlbeton. Das fast poetische Farbenspiel der über 12 000 Glasfenster wirkt wie ein "Lichtgedicht für die Toten von Le Havre", lässt den Himmel erahnen, zu dem der achteckige 109 Meter hoher Turm wie ein mahnender Zeigefinger empor ragt. St-Joseph gilt als architektonisches Meisterwerk des 20. Jahrhunderts. Das einstige Quartier Perrey-St-Joseph, von Boudin 1860 noch als Dörfchen mit pittoresken Holzhäuschen und einer Windmühle festgehalten, wuchs zu einem übervölkerten Armenviertel mit katastrophalen hygienischen Bedingungen, Typhus und Cholera waren gang und gäbe. Die erste Holzkirche St-Joseph wurde mehrfach vergrößert und wuchs - in Stein verwandelt - zu einem imposanten Gotteshaus, das am 16. Juni 1944 erstmals schwer beschädigt wurde. Das Inferno des 5. September 1944 hinterließ das gesamte Quartier "rasé" - dem Erdboden gleich. Nur eine Glocke überstand das Inferno, sie gehört heute noch zum Geläute von St-Joseph. Ein kurzer, aber denkwürdiger Besuch.
 
Pont de Normandie und Honfleur pittoresque
Ein Wunder der modernen Ingenieurkunst, der Pont de Normandie, führt uns ins beschauliche Museumsstädtchen Honfleur, die "Perle der Côte Fleurie", wo die Zeit stillzustehen scheint. Das gigantische Brückenbauwerk aus Stahl und Beton scheint den Gesetzen der Schwerkraft zu trotzen. Mit einer Länge von über 2000 Metern, mittels Stahltrossen an stabilen Pfeilern befestigt, kann das futuristisch anmutende Wunderwerk der Technik angeblich nicht nur Orkanen von bis zu 440 km/h Windgeschwindigkeit trotzen, sondern auch eine Kollision mit einem Ozeanriesen wegstecken. Hoffen wir, dass es nie dazu kommt, genießen wir vielmehr den kurzen Moment der Querung zum Blick auf die Alabasterküste im Norden, während südlich der Seine in der Sonne der Sandstrand glänzt. Die kleine Hafentaverne "Le Chat qui Pêche" - "Der fischende Kater" - bildet das Ambiente zu einem Muschelessen, bei dem die große Mehrheit der Rheinzaberner "Landratten" Vertrauen in die Qualität der Meeresfrüchte hat und niemand den Vorkoster spielen muss. Cidre lässt zudem die letzten Ressentiments gegenüber den beliebten Schalentieren verschwinden. Danach folgt ein Rundgang entlang des historischen Hafenbeckens, erbaut auf Befehl Ludwigs XIV. und "tres pittoresque", so dass es nicht verwundert, wenn sich hier im 19. Jh. die Maler die Türklinke in die Hand gaben. Der Himmel-Maler Boudin wirkte zeitlebens hier, Courbet, Monet, Pissarro, Renoir oder Cézanne kamen oft hierher - angeregt durch das wunderbare Licht des abwechslungsreichen Himmels. Der Bauernhof St-Siméon gilt als Geburtsstätte des Impressionismus.
Von Honfleur wagten einst "Nussschalen" die Überfahrt über den Atlantik, um für die Gloire von la France neues Land jenseits der Meere zu entdecken. Samuel Champlain stach von Honfleur aus in See, um Neu-Frankreich zu besiedeln. Nach der Gründung Quebecs im Jahre 1608 ließen sich Tausende normannischer Bauern in Kanada nieder. Wie viele Tränen mögen hier vergossen worden sein, wie viel mal mag es ein Abschied für immer gewesen sein, welche Sorgen und Nöte trieben die Menschen hinaus auf die See? Es waren nicht nur Abenteuerlust und Entdeckerdrang, sondern pure Not allein. Mitten im Seemannsviertel finden wir die schöne Holzkirche Ste-Catherine, wo man einst für den Lebens- und Arbeitsalltag der Seemanns- und Fischerfamilien den göttlichen Segen und Trost erflehte. Hier - wie auch an den schmucken Fachwerkhäusern - waren wohl die gleichen Zimmerleute am Werk, die auch die Schiffe bauten, denn das Kirchenschiff hat die Gestalt eines gezimmerten Schiffsrumpfs. War hier Jahrhunderte lang Schmalhans Küchenmeister, so deuten die "saftigen" Preise darauf hin, dass heute in Honfleur Wohlstand herrscht und sich das Hafenstädtchen zum beliebten Wohnsitz für Wohlhabende gewandelt hat. Sic tempora mutantur.
 
Auch in Krisenzeiten begehrt: Deauville
Nach kurzer Fahrt kommen wir nach Deauville, dem Inbegriff von Mondänität. Breiter Strand, Promenade, Kurhaus, Kasino, Pferderennbahn, Polo, Golf, Galas, betuchte Scheichs und Stars gehören zum Bild von diesem weltberühmten Seebad, das mit dem Bau der Eisenbahn von Paris zur See einen gigantischen Aufschwung nahm - begleitet von den üblichen Landspekulationen, wie sie dann auftreten, wenn viel Geld im Spiel ist. Deauville wurde im wahrsten Sinne "aus dem Sumpf gezaubert". Motor war der Herzog von Morny, ein Halbbruder Napoleons III. Seit 1862 gibt es hier ein Hippodrome, wo die edelsten Pferde der Normandie wetteifern. Keine Region Frankreichs besitzt so viele berühmte Gestüte - frz. Haras - wie die Normandie. Alljährlich werden beim Pferdehandel Millionen umgesetzt. "Vollblüter sind auch in Krisenzeiten begehrt", schreibt DIE WELT am 21.8.2009. Im II. Kaiserreich, unter Napoleon III., erlebte Deauville seinen Höhepunkt. Neuer Aufschwung kam nach Deauville, als hier anno 1913 eine gewisse Coco Chanel eine Boutique eröffnete.
Die nostalgische "Promenade des Planches" hat zahllose Art-Deco-Umkleidekabinen, die Namen von Filmstars tragen, denn einmal im Jahr ist Hollywood in Deauville zu Gast. Elizabeth Taylor, Gary Cooper, Clint Eastwood oder auch Steven Spielberg waren schon hier. Wir gönnen uns einen ausgiebigen Strandspaziergang und genießen die Ruhe. Im Oktober sind die Sommerfrischler und Urlauber längst weg, es bleiben die Kulturtouristen, die in den wenigen noch geöffneten Cafés, etwa der Schicki-Micki- "Bar du Soleil", bei Kaffee oder Cocktail, sich hinter gläsernen Windschirmen duckend, die letzten Sonnenstrahlen genießen. Es muss ja nicht immer Aga Khan sein. Wenn sie zahlen, sind auch "normale" Menschen willkommen. "Daheim regnet es!", wird plötzlich eingeworfen. Doppelte Freude kommt auf , und es zieht uns weiter Richtung Caen, unserem zweiten Standquartier. Ein abendlicher Calvados stimmt auf den nächsten Tag ein.
 
Caen - die Stadt Wilhelms
Guide Gerard Boulangers führt uns im Sauseschritt durch Caen. Vor allem geht es um Wilhelm (1027-1087), den Sohn von Robert I., dem Teufel, der lange Zeit nur "Bastard" genannt wurde. Nach seinem Sieg bei Hastings im Jahre 1066 sollte er jedoch als "Wilhelm der Eroberer" in die Geschichte eingehen. Caen hat ihm besonders viel zu verdanken, er prägte besonders die lebendige Geschichte seiner Lieblingsresidenz und heutigen Universitätsstadt. Als politischen Preis für die Zustimmung von Papst Leo IX. zur Heirat mit Mathilde von Flandern, einer Frau "von sehr schöner Gestalt und warmherziger Gesinnung", stifte das Herzogspaar zwei Abteien in Caen, die noch heute zu den prächtigsten Bauten der Stadt zählen und Caen zu einer Benediktinerstadt machten. Die 1062 von Herzogin Mathilde gestiftete Frauenabtei Abbaye aux dames beherbergt heute das Regionalparlament der Normandie. In der Mitte des Chors der Abteikirche Sainte-Trinité (Dreifaltigkeit), einer romanisch-gotischen Stilmischung in schlichter Schönheit, ist Königin Mathilde (+ 1083) begraben. Berühmteste Schülerin der Nonnen von Abbey aux Dames war übrigens Charlotte Corday d'Armont, die den blutrünstigen Hauptverantwortlichen für die jakobinische Schreckensherrschaft, Jean Paul Marat, erdolchte und dafür unter der Guillotine endete. Charlotte Corday wurde zur Märtyrerin der Konterrevolution. Die im Jahre 1066 gegründete Männerabtei St-Étienne (Sankt Stefan) auf der entgegengesetzten Seite der Stadt wurde zur Grablege ihres Gründers (+ 1087), doch ist aus den Wirren der Geschichte lediglich noch ein Knochen nachgewiesen. St-Étienne gilt als schönes Beispiel für die schlichte normannische Gotik. Und welch ein Kreuzgang! Bemerkenswert der gotische Kapellenkranz um den Chor. Gedenktafeln erinnern an die Schlacht um Caen, als die Zivilbevölkerung in der Abtei Schutz suchte. Wochenlang hausten hier ca. 8000 Menschen, hatten hier ein provisorisches Krankenhaus, eine Post, ein Finanzamt…Obwohl obdachlos, gab es genügend Milch und Fleisch, das man im viehreichen Umland "organisierte". Die ehemaligen repräsentativen Konventsgebäude dienen heute als Rathaus.
Zwischen beiden Abteien liegt die imposante, uneinnehmbare Festung Wilhelms des Eroberers von 1060. Ihr mächtiger Bergfried wurde erst durch die Revolutionstruppen Robbespierres abgetragen, nachdem sich Caen wenig jakobinerfreundlich gezeigt hatte. Imposant bleibt dennoch die weitläufige Hofanlage der Festung mit verschiedenen Ausstellungen, nicht zuletzt dem sehr interessanten ethnologisch-archäologischen Museum der Normandie, das einen wunderbaren Einblick in die Kultur und Geschichte dieser Region gibt. Von den Zinnen der Festung genießen wir den Blick über die "Stadt der hundert Kirchtürme", wobei der Turm von Sankt Peter als "König unter den normannischen Glockentürmen" gilt. Die helle Stadt erinnert uns auch daran, dass Wilhelm maßgeblich zur Entwicklung eines anglo-normannischen Baustils beitrug, der durch den berühmten "Stein von Caen" geprägt ist. Deshalb kokettiert Caen gerne auch mit dem Attribut "normannisches Athen", und tatsächlich scheint der warme Stein die milden Spätsommerabende noch angenehmer zu machen und zum Stadtbummel zu animieren.
 
Kühe mit Brille
Kunst und Kultur sind schön. Doch gilt es auch die grüne Normandie kennen zu lernen, das Land der "Bocage" genannten Heckenwälle, wo ein Großteil der französischen Milch- und Butterproduktion konzentriert ist. Die dreifarbig gescheckten (weiß, fahlrot, dunkelbraun) Kühe mit der "Brille" sind von hochwertiger Rasse. Angeblich soll in ihnen noch "Wikingerblut" stecken. Das erste Zuchtbuch Frankreichs wurde übrigens in der Normandie angelegt. Mittlerweile haben die normannischen Kühe starke Konkurrenz in der Französischen Schwarzbunten bekommen, die nicht nur gute Milch, sondern - in der Kreuzung mit Charolais - auch bestes Fleisch liefert. "Leben wie Gott in Frankreich" ist auch zukünftig garantiert, doch beklagen die Bauern den gewaltigen Preisverfall für Milch und protestieren wirkungsvoll in Paris und Brüssel. Da wir gerade in Pont-l'Éveque sind, fällt uns eine Anekdote ein, die zur normannischen Kuh passt: "Pont-l'Évêque" bedeutet "Bischofsbrücke", angeblich weil hier der Bischof von Lisieux eine Brücke über die Touques schlagen ließ. In Wirklichkeit soll aber der Name von der undeutlichen Aussprache der Normannen herkommen. Statt "les vaches" sprechen sie "le weg", aus "Pont-le-weg" wurde das edlere "Pont-l'Évêque", aus der "Kuhbrücke" die "Bischofsbrücke". Doch die normannischen Bauern haben außer Kühen noch einen weiteren "Schatz".
 
Was für ein Früchtchen
"Was für ein Früchtchen", überschrieb eine große deutsche Tageszeitung im Mai 2009 einen Artikel über die Reize der Normandie. Das Pays d'Auge im Departement Calvados scheint im Frühling unter einer rosa-weißen Schneedecke zu liegen, wenn die Apfelbäume blühen. Wer auf Diät ist, sollte diese Gegend meiden. Natürlich schmecken die Äpfel schon pur ganz gut, doch zaubern die Franzosen daraus allerlei Desserts, Kuchen und Leckereien. Aus Äpfeln keltern die Normannen aber auch ihren Most, den Cidre, ein prickelndes Getränk mit ca. 5% Alkohol. Jeder Bauer hat da sein Geheimrezept für seinen "Haustrunk". Kostbarster "Apfelsaft" aber ist der Calvados, dessen Preis nach oben schier unbegrenzt scheint. Es soll hier eine wahre Calvados-Kultur geben, mit der man den Genuss am Essen anregt, pflegt und verlängert. Welch eine Aussicht auf einen künftigen Besuch, um Versäumtes nachzuholen! Nach Cidre und Calvados gibt es im Pays d'Auge aber noch ein drittes "magisches C", den Camembert. Cidre, Calvados und Camembert konnte die Reisegruppe bei einem zünftigen Abendessen im Restaurant "Les Tonneaux Pére Magloire" in Pont-l'Évêque genießen, wo zum Camembert noch zwei weitere "normannische Stars" gereicht wurden: Fromage der Sorte Pont-l'Évêque und Livarot. "Zunge, Gaumen, Magen, was wollt ihr mehr?", fragte sich so mancher, als er - selig von den drei normannischen C - gen Caen zurück fuhr. Man könnte ins Poetische verfallen und mit Goethe sagen: "Hier bin ich Mensch, hier darf ich 's sein!" Souvenirs aus der "Boutique Normand" halten die Erinnerung wach, sofern sie nicht mittlerweile via Gaumen und Magen verflogen sind.
 
Die Festung des Erzengels
Absolutes Muss ist der Besuch auf dem heiligen Berg der Normandie, dem Mont Saint Michel. Geheimnisvoll, unvergesslich wird jeder Besuch. Von weitem schon erblicken wir das UNESCO-Wunder des Abendlandes, eine kleine Stadt Gottes auf Erden. Einmalig ist die Silhuette - nicht nur bei Sonnenuntergang. "Ort der Anbetung und nationale Weihestätte, ein Altar des Vaterlandes für den heiligen Michael, diesen unbekannten Himmelssoldaten für Frankreich", schreibt Karl Schwedhelm. Glaube und Patriotismus verschmelzen - wie beim Kult um la Pucelle, die Jungfrau von Orleans. Die Herzöge der Normandie erkannten die Bedeutung der Wallfahrt für Glaube, Politik und Kasse und machten sich zum Beschützer des 157 Meter hohen Michaelsberges im Wattenmeer, auf dessen Abteikirche der Erzengel thront. Anno 708, so die Legende, hätte der Erzengel dem Bischof von Avranches persönlich den Auftrag gegeben, dort ein Kloster zu errichten. Nach der Vorstellung des Mittelalters stellt der Mont Saint Michel das Jerusalem der Offenbarung dar, das vom Himmel herabgestiegen ist, um die Erwählten für die Ewigkeit zu empfangen. Dreigliedrig ist damals die Welt, gegliedert in jene, die arbeiten, jene, die kämpfen, und jene, die beten. Dreigliedrig ist auch der Aufbau des Michaelsberges: Ein Dorf, eine Festung, ein Gotteshaus. Insbesondere in letzterem Bereich entfaltet sich die Inspiration der Baumeister und Bauherren besonders: Näher mein Gott zu dir! Dies scheint die ungebrochene, unbewusste Faszination des Ortes auszumachen.
Kühles, aber sonniges Wetter begrüßt uns, völlig atypisch zur normannischen Wetterregel, wonach es pro Woche nur zweimal regne, nämlich einmal 3 Tage und einmal vier Tage. Freundlich ist auch die Führerin Cécile, die uns über den Seitenaufgang ungestört zum Kloster hoch bringt. Überhaupt ist es um 10.30 Uhr relativ ruhig. Nur 11 Busse sind zu zählen. 18 Dauerbewohner hat die Insel, darunter 5 Mönche, 7 Ordensschwestern, 2 Priester und ein Bürgermeister. Bedenkt man, dass jährlich 3 000 000 Besucher zum Mont Saint Michel kommen, so kann man sich leicht dessen Bedeutung als Arbeitsplatz und Einnahmequelle für die Region vorstellen. Cécile erzählt zunächst von den Gezeiten und den auf den Salzwiesen weidenden Pré-Salé-Schafen, die ein würziges Fleisch produzieren. Zu den aktuellen wasserbaulichen Großmaßnahmen zur Wiederherstellung der Insellage des heiligen Bergs zählt u.a. die Anlage eines über 30 ha (!) großen Parkplatzes, von dem aus im Shuttle-Betrieb die Gäste zur meist besuchten Sehenswürdigkeit Frankreichs transportiert werden sollen. Die Geschichte des Mont Saint Michel ist äußerst lebendig. Selbst während des 100-jährigen Krieges wurde die Wallfahrt nicht unterbrochen. Zwar rühmt man sich, die Engländer hätten die Insel belagert aber nicht erobern können, tatsächlich aber verdienten die Engländer kräftig an der Wallfahrt mit, indem sie Passierscheine verkauften.
Im 19. Jh. war auf der Insel ein Gefängnis, ehe im Zuge der "Gott-mit-uns"-Bewegung nach der Niederlage im Krieg gegen Preußen 1870-71 ein neuer Michaelskult zur Rettung Frankreichs erwuchs. Cécile zeigt uns Kirche, Kapellen, Refektorium, La Merveille - das Wunder, die herrlichen gotischen Gebäude der Nordseite, den Rittersaal und den Almosensaal. Cécile lässt uns die Architektur bewundern und schwärmt von der Akustik (ist Ste-Cécile nicht Cäcilia, die Patronin der Kirchenmusik?). Insbesondere der Kreuzgang - frz. Cloître - scheint zwischen Himmel und Meer zu schweben, bezaubernd seine zierlichen Granitsäulen und feinen Steinmetzarbeiten: Wie im Vorhimmel. Zum Himmel zeigt Sankt Michael. Wir aber begeben uns aus dem "Vorhimmel" über die "Drosselgasse", wie jemand abschätzig die Straße der Devotionalienläden, Gaststätten und Cafés nennt, hinunter zum Bus, um wieder allzu weltlichen Bedürfnissen zu frönen: Mittagessen.
 
Im Dorf der Kupferschmiede und Glockengießer
Auf dem Rückweg durchs Departement Manche kommen wir nach Villedieu-les-Poêles. "Ville-dieu" bedeutet "Stadt Gottes", ein Name, den die Malteserritter einst dem Ort gaben, als sie in der Nähe eine Kommende errichteten. Im 17. Jh. führte ein Ordensmeister den "Grand Sacré" ein, die Fronleichnamsprozession. "Les-Poêles" erinnert an das traditionelle Handwerk der Kupfer- und Pfannenherstellung - Kleinindustrie auf Grundlage der heimischen Bodenschätze. Ähnlich verhält es sich mit der Glockengießerei Cornille-Havard, die wir besuchen. Seit Jahrhunderten habe sich an der Glockenproduktion kaum etwas geändert, erklärt Madame Geraldine mit Charme, um dann mit Herz und Hand Grundverständnis für ein seltenes Handwerk zu vermitteln. Irgendwie passt sie zum Metier, Instrumente zur Erzeugung von Engelgesang herzustellen. Dezent verschweigt sie, dass es im Juli 2009 einen schweren Unfall beim Guss einer für Mülhausen im Elsass bestimmten Glocke von 6,3 to gegeben hat. Es sollte die größte jemals bei Cornille-Havard gegossene Glocke werden, doch die Form zersprang, so dass 1100 °C heiße Bronze umhergeschleudert wurde und 26 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Aktuell arbeitet die Fonderie Conille-Havard an einem Großauftrag von fünf Glocken für Malta, wie überhaupt Villedieu-les-Poêles rege Beziehungen zum Malteserorden pflegt. Seit man vor rund 50 Jahren wieder Kontakte zu den Malteserrittern knüpfte, nehmen diese regelmäßig an der Fronleichnamsprozession teil, was dazu geführt hat, dass stets ca. 30 000 Teilnehmer ein wunderbares Glaubensfest feiern. Die Gastronomie dürfte sich die Hände reiben, und irgendwie erinnert dies an die vielen mittelalterlichen Wallfahrten, die ja stets auch ein Wirtschaftsfaktor waren. Religion als Wirtschaftsfaktor und Tourismusattraktion? Warum nicht. Sie ist in jedem Fall friedlich und fromm. Friedlich liegen auch die Bocagehügel und -felder vor uns, durch die uns der Weg zurück nach Caen führt.
 
"Wiege der Normannenherzöge"
Bayeux hat Charme. Am Ortseingang werden wir begrüßt - von "General Eisenhower". Erscheint dies nicht seltsam? Bayeux, die Hauptstadt des Bessin, ist eine friedliche Stadt, typisch französisch ihr Stadtkern, reizend das Gerberviertel mit der Mühle "Croquevieille" am Flüsschen l'Aure, enge Gassen, zahlreiche Patrizierhäuser u.a.m. Der Bischofssitz, entwickelt aus einer Römerstadt, wurde zur "Wiege der Normannenherzöge", zu einer Stadt, die auch nach dem Anschluss an Frankreich im Jahre 1449 skandinavisch geprägt bleibt. Außergewöhnlich schön ist die Kathedrale Notre-Dame mit ihrem markanten Vierungsturm. Sie zählt zum Feinsten der normannischen Gotik.
Beim Betreten der Kathedrale fallen Verbotsschilder für Hunde, Eis und Zigaretten ins Auge. Kultur adieu? Leise Musik lässt den Besuch feierlich werden. Im Innenraum sind romanische und gotische Element harmonisch verbunden. Welche Fülle von Bögen, Kapitellen, Skulpturen und Bildern. Dazu das Licht und die Fenster. An den Wänden skandinavische Muster. Sehr beeindruckend die Krypta aus dem 11. Jahrhundert. Bayeux wurde während der Invasion nicht zerstört, das kulturelle Erbe war gerettet. Gott und Eisenhower sei Dank.
 
Mathildes Comic-Strip
Zu aller erst ist da aber der eindrucksvolle Wandteppich der Königin Mathilde, wunderbare Stickkunst, auf der die Eroberung Englands durch den Normannenherzog Wilhelm dargestellt ist. Ein mittelalterlicher "Comic-Strip" von schier 70 m Länge. Der Legende nach soll Königin Mathilde den Teppich angefertigt haben, wahrscheinlich jedoch ist das wunderschöne "Zeitdokument" - es gibt auch Aufschluss über Alltag, Sitten, Handwerk und Technik des Mittelalters - in Kent gefertigt worden. Die "Tapisserie de Bayeux" im "Centre Guillaume le Conquérant" dokumentiert und rechtfertigt in allen Einzelheiten die Invasion 1066 - ein Dokument von unschätzbarem Wert. Der Bruch des berühmten - wohl widerwillig geleisteten - "Eids von Bayeux", durch Harold, den die angelsächsischen Adligen als Nachfolger für den englischen Königsthron favorisiert hatten, war Anlass für ein damals gigantisches Unternehmen. Der Normannenherzog Wilhelm, bis dahin noch "der Bastard" genannt, stach am 10. September 1066 mit einem "Wald von Schiffen" in See, um nach England überzusetzen. Mit ihm war ein Heer von ca. 15000 Mann, 3000 Pferden Waffen und Verpflegung. Am 14. Oktober 1066 besiegte Wilhelm den Thronusurpator Harold in der Schlacht bei Hastings, um danach in Westminster zum König von England gekrönt zu werden. Fortan hieß Wilhelm "der Eroberer". Wilhelms Invasion war zugleich das letzte Mal, dass die britische Insel erobert wurde. Weder die spanische Armada, noch Napoleon oder Hitler hatten Erfolg. Der Wandteppich von Bayeux ist heute UNESCO-Weltkulturerbe und zieht alljährlich unzählige Gäste an.
 
De Gaulles Coup
Bayeux spielt auch für die jüngere französische Geschichte eine besondere Rolle. Am 7.6.1944 ist es die erste befreite Stadt im Rahmen der Invasion. Hatten die Amerikaner zunächst für Frankreich Pläne ohne General de Gaulle, den Führer der Resistance, so hielt dieser - ohne Wissen der Alliierten - am 14.6.1944 in Bayeux eine richtungsweisende Rede. Sie war der Testfall für de Gaulles Autorität als Führer eines noch zu befreienden Frankreich. Der eigenwillige de Gaulle entließ den von den Amerikanern im Amt bestätigten Unter-Präfekten der Vichy-Regierung und ernannte einen ihm loyalen Resistance-Kämpfer zum Unter-Präfekten. Damit wollte er verhindern, dass die Kommunisten, welche bis dahin die Resistance dominierten, eine Revolution auslösen.
Nach dem erfolgreichen Muster Bayeux vollzog sich danach in allen befreiten Städten der Machtwechsel.
Seit Anfang 1944 waren alle Widerstandsgruppen in der FFI zusammengefasst. Zwar trugen die seit 1944 zur FFI zusammenangefassten Resistancegruppen nur einen bescheiden Anteil an der Befreiung, doch nützten sie der Sicherung des politischen Führungsanspruchs von General de Gaulle und verhinderten die Bestrebungen der Alliierten, Frankreich unter Militärverwaltung zu stellen. Wohl in Erinnerung an die Befreiung lobt die Stadt Bayeux regelmäßig einen Preis für Kriegsberichterstatter aus, den Bayeux-Calvados-Preis - aktuell sichtbar in Fotomontage-Plakaten überall in der Stadt.
 
"Endlich kein Bastard mehr"
Wilhelm der Eroberer hieß einst "Bastard". "Endlich kein Bastard mehr" hingegen überschreibt die Tageszeitung DIE WELT am 29.10.2009 ihren Artikel über die zögerliche Aufarbeitung der deutschen Besatzungszeit 1940 - 1945. Mehr als 200 000 französische Kriegskinder mit deutschen Soldaten als Vätern mussten ein Schicksal voller Schmähungen erleiden. Ihre deutschen Väter waren entweder gefallen, in Gefangenschaft geraten oder - zu ihren bestehenden Familien - nach Deutschland zurückgekehrt. Zurück ließen sie als "Bastard" beschimpfte Kinder mit einem "Boche" als Vater. Die Mütter indes waren in Frankreich dem Hass ihrer Landsleute ausgesetzt, der darin kumulierte, dass man mehr als 20 000 Frauen wegen "horizontaler Kollaboration" die Haare schor oder sie als "Nazi-Huren" geteert und gefedert durch die Straßen trieb oder erhängte. Erst im Sommer 2009 erhielt das erste "Kind der Schande", Daniel Rouxel aus Le Mans, die deutsche Staatsbürgerschaft. Den deutschen Nachnamen seines Vaters durfte er indes noch nicht annehmen, doch es besteht Hoffnung auf Normalität - nach 65 Jahren. Krieg ist mehr als militärischer Kampf, und die Kapitel Résistance, Kollaboration oder Fraternisierung sind noch längst nicht aufgearbeitet. Deshalb sind die zahlreichen Großplakate im altehrwürdigen Bayeux höchst aktuell. Alljährlich im Oktober verleiht die Stadt den Prix-Bayeux-Calvados für Kriegskorrespondenten, die das Leid sichtbar machen und akzentuieren. "Guerre - ici", heißt eine Ausstellung, die - bewusst provozierend - an unsere Neigung zum Verdrängen von Kriegsereignissen in aller Welt erinnert, Hauptsache nur, dass sie weit weg sind. Ein guter Ort für eine Hommage an Freiheit und Demokratie, die für uns normal sind und allzu gerne gering geschätzt werden. Dann schlägt die Turmuhr Zwölf. Im Restaurant "Asiette Normand" isst man zünftig. Statt der etwas abschätzig als "belgisch" bezeichneten Pommes frites gibt es pommes de terre, auf Pfälzisch: "Quellmänner in der Montur".
 
Mulberry B am "Gold Beach"
Kaum 10 km nördlich von Bayeux liegt schon die Küste des Bessin, eigentlich Côte de Nacre - Perlmuttküste -genannt. Längst aber wird der Strand "plages du dèbarquement" genannt, wo am "D-Day", dem 6. Juni 1944, die "Operation Overlord" begann, die Invasion auf Hitlers "Festung Europa". Die fünf Angriffsabschnitte sind unter deren Geheimcode von Westen nach Osten als Utah, Omaha, Gold, Juno und Sword Beach bekannt. "Der Strand flattert in fröhlichen Farben", schreibt Horst Krüger 1971. Auch heute. Im Museum von Arromanches-les-Bains am "Gold Beach" erfahren wir von der Anlegung des künstlichen Hafens Mulberry B, nach Churchill auch Port Winston genannt, womit Arromanches zum Schlüssel für die Eroberung der Normandie wurde. Eine militärisch-technische Meisterleistung, um innerhalb weniger Tage Unmengen von Menschen und Material anzulanden. Noch heute zeugen davon unzählige wabenförmige Betonblöcke, die schwimmend über den Kanal bugsiert und als Wellenbrecher versenkt worden waren. Im so geschützten "Hafenbecken" konnten dann die Frachter an Stahlbrücken entladen werden und über Pontonbrücken an Land rollen. Derweil ist die deutsche Abwehr nur vereinzelt wirksam, wird fast unvorbereitet getroffen, Kompetenzchaos herrscht vor. Die französische Résistance stört gewaltig, der Nachschubmangel ist eklatant, die Kampfmoral der Truppe nicht gerade überragend, Luftwaffe gibt es fast nicht mehr, etliche Bunker des "Atlantikwalls" erweisen sich allenfalls als Propaganda. Ein Spaziergang wurde die Invasion für die Alliierten dennoch nicht, waren doch teilweise 40% Tote und unzählige Verwundete zu beklagen. Der Bürgermeister von Tracy-sur-Mer musste unverrichteder Dinge wieder nach Hause gehen. Mit Krawatte und umgelegter Amtskette, den Rathausschlüssel in der Hand, wollte er die Alliierten am Strand begrüßen. Doch die Befreier kämpften mit den mannshohen Wellen, wurden vom Gewicht ihrer Bewaffnung auf den Meeresgrund gezogen oder von landenden Panzern überrollt. Das Meer soll rote Flecken gehabt haben an jenem Morgen, und niemand wollte den Rathausschlüssel haben. Gegen 20.00 Uhr ist Bayeux frei. Natürlich gibt es heute überall - nicht nur in Arromanches-les-Bain - das Geschäft mit dem Krieg, Devotionalienhandel, martialische Namen für Produkte und Speisen, eine "Churchill Boutique", ein Eiscafé namens "Compagnie des Glaces".
Bellevues, Roundpoints, Aussichtsplätze en masse, Museen, Kinos, Ausstellungen und historische Rundwege überall, dazu Bücher, Videos und Flyer: D-Day hat Konjunktur. "D day landing beaches tours" im Jeep Buggy, per Boot oder Motorglider werden offeriert, Prospekte in x Sprachen, "Rendez-Vous du Memorial" ist angesagt, Musée Airborn, Pegasus. "Loisirs à la Carte am "Gold Beach" als Amüsement à la Ballermann? Man muss aufpassen. Der heutige Rummel ist aber auch ein Zeichen für die eingekehrte "Normalität". Mit den Siegern begann aber auch der Vormarsch von Hamburger, Cheeseburger und Hot Dog, ja, einer Amerikanisierung Europas, die bis heute anhält. Überall aber auch große Soldatenfriedhöfe. Angesichts der heutigen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich ist die Losung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge Realität geworden: "Versöhnung über den Gräbern". Doch wie viel Leid und Elend musste vorher geschehen!
 
Ein Gedicht macht Geschichte
Im 360° - Rundkino von Arromanches-les-Bains gibt es dann den dritten Film an diesem Tage. Zuvor rekapitulieren wir nochmals die Stationen von der Machtergreifung bis zum D-Day. Wir erleben einen Film mit Parallelprojektion und Überblendtechnik friedlicher Szenen mit kriegerischen Aktionen, die unter die Haut gehen, weil vor allem das Leiden der Zivilbevölkerung thematisiert ist. Beachtenswert: Keine Schuldzuweisungen an die "bösen Deutschen". Mehrfach gab es Landungsunternehmungen kleineren Ausmaßes, zur Täuschung, zum Testen. Ein Gedicht von Paul Verlaine kündigte die "Operation Overlord" an. Die erste Zeile von Verlaines "Herbstlied" sollte am ersten Tag des Invasionsmonats so nebenbei in den Nachrichtendienst von BBC eingestreut werden. Als am 1. Juni 1944 die etwas merkwürdige Durchsage "Das lange Schluchzen herbstlicher Geigen" kam, mehr nicht, war dies die A-Botschaft für die Resistance. Nun musste auf die zweite Zeile gewartet werden, die wegen schlechten Wetters verschoben werden musste. Würde sie durchgesagt werden, war dies das Zeichen, dass in 48 Stunden die Invasion beginnen würde. Und so kam es am 3. Juni (!), 22.15 Uhr, nachdem BBC London seltsame Meldungen durchgesagt hatte wie: Es ist heiß in Suez - Die Würfel sind auf dem Tisch - John liebt Mary - plötzlich: "Die mein Herz mit langweilender Mattigkeit verwunden". Dies hieß: Wir kommen, übermorgen kommen wir. In 48 Stunden beginnt die Invasion. Schlagt zu in dieser Nacht. Wo, so fragt Horst Krüger, gab es je ein Gedicht in der Literatur, das für Europa wichtiger und frohlockender war? Die deutsche Abwehr wusste Bescheid. Etliche Offiziere weilten jedoch zum Amüsement in Paris, Rommel hatte Urlaub, Hitler durfte nicht geweckt werden. Dies war gut so, denn am 6. Juni 1944 ist auch die Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland. Die Niederlage im Westen bedeutete Befreiung und die Chance auf Einrichtung der Demokratie in West-Deutschland, die erst mit dem Fall der Mauer 1989 auch im Osten eingeführt werden konnte. Im Hochgefühl seines Triumphes über Frankreich 1940 hatte Hitler noch die Demokratie nach westlichem Muster als "artfremde Idee" verhöhnt.
 
Nomen est Omen
Dann noch eine Kurzvisite beim Mythos "Atlantikwall". Unweit des Dorfes Longues-sur-Mer finden wir Überreste der Batterie "Chaos" ( Nomen est Omen !). Zum Teil sind noch die bei Skoda (!) gefertigten 152 mm Kanonen, Baujahr 1928, vorhanden. Die Skoda-Geschütze zur Schiffsbekämpfung galten als die modernsten am Atlantikwall und waren aufgrund ihres großen Schwenkbereichs sowohl zur Beschießung von Omaha Beach wie auch des Gold Beach geeignet. Eine mit 10 mm dickem Stahl gepanzerte Kanone konnte mit einer gut trainierten Mannschaft bis zu sechs Schuss pro Minute abfeuern.
Zwanzig km konnte man mit ihnen schießen. Überhaupt waren weite Teile des Atlantikwalls mit Beutegeschützen aus den überrannten Staaten Frankreich, Russland, Tschechoslowakei, Polen sowie schwedischen Kanonen bestückt. Der Ersatzteilmangel war eklatant. Richtig treffen konnte die Batterie jedoch nicht mehr, weil die Nachrichtenverbindung zum Feuerleitstand am Klippenrand schnell unterbrochen war. Radar gab es nicht. Bereits im Mai und anfangs Juni 1944 war einer der Geschützstände durch Bombardements zerstört worden. Schon am 7. Juni ergab sich die Besatzung dem britischen Regiment Devonshire. Auf dem Acker davor wurde ein Feldflugplatz planiert. Unablässig rauscht das Meer, unablässig nagt die Erosion am Steilufer. Wenn Wind und Wellen erzählen könnten...
 
Thérèse
Auf dem Heimweg machen wir Station im 2000-jährigen Lisieux, der Hauptstadt des Pays d'Auge. Es geht uns nicht um den ehemaligen Bischof Pierre Cauchon, der den Prozess gegen Jeann d'Arc geführt hat. Vergessen. Uns interessiert vor allem die "Hochburg der Spiritualität". Warum ist Lisieux nach Lourdes der wichtigste Wallfahrtsort Frankreichs? Eine monumentale Basilika grüßt weit ins Land hinaus. Sie ist der Heiligen Theresia vom Kinde geweiht. Im Unterschied zur "großen" Mystikerin Teresa von Ávila wird sie die "kleine Thérèse" genannt. Bereits während der letzten Woche ist uns Thérèse e von Lisieux in fast allen besuchten Kirchen begegnet - als Pendant zur Heiligen Johanna. 1873 als jüngstes von neun Kindern eines Uhrmachers aus Alencon geboren, verliert Thérèse Martin - so ihr bürgerlicher Name - mit 4 ½ Jahren ihre Mutter. Sie hat eine harte Jugend, doch ihr Lächeln lässt sie auch heftige Verletzungen und Entbehrungen ertragen. Zwei ihrer Schwestern treten in den Karmel von Lisieux ein, wohin es auch Thérèse zieht, "nur für Jesus allein", wie sie sagt. Mit 15 Jahren, 1888, ist dann ihr Herzenswunsch erfüllt. Bereits mit 24 Jahren stirbt sie an Tuberkulose, konnte aber vorher noch ihr millionenfach gelesenes und in 60 Sprachen übersetzte Buch "Geschichte einer Seele" vollenden. Die Selbstbiographie wird nach der Bibel zum meistgelesenen Buch in französischer Sprache. "Nach meinem Tod werde ich Rosen regnen lassen", sagte sie einmal. Bald entwickelt sich ein Wallfahrtskult um die kleine Thérèse. Wird sie im Jahre 1925 heilig gesprochen, so beginnt bereits 1929 - finanziert durch Spenden aus aller Welt - der Bau der Basilika. Im Jahre 1944 erklärt man Thérèse von Lisieux zur zweiten Nationalheiligen. Verehrt wird sie in der ganzen Welt, worauf nicht zuletzt die zahlreichen Länder-Kapellen im Innern der Basilika hinweisen. Und worin liegt das Geheimnis der Verehrung? Thérèse von Lisieux ging den "kleinen Weg der Heiligkeit", Glaube und Liebe im Alltag, sie lebte "…die Liebe in der Hingabe an die kleinen Dinge, die der Alltag von ihr verlangt", und war damit Trösterin insbesondere der Mütter, die in Armut und Elend, oft von ihren Männern schlecht behandelt, die Kinderschar nährten und pflegten, die karge Kost einteilten, bügelten, Berge von Wäsche wuschen - sich dabei an Kräften verzehrend. "Ich begreife jetzt, dass die vollkommene Liebe darin besteht, die Fehler der anderen zu ertragen, sich nicht über ihre Schwächen zu wundern, sich an den kleinsten Tugendakten zu erbauen, die man sie vollbringen sieht", schreibt Thérèse. Und sie betet ganz unkonventionell: "Ich sage dem lieben Gott ganz einfach, was ich ihm sagen will, ohne schöne Phrasen zu machen, und er versteht mich immer…" Papst Johannes Paul II. zählte zu den besonderen Verehrern der Heiligen Thérèse vom Kind. Natürlich stattete "Jan Pawel II." Lisieux eine Visite ab, und anno 1997 ernannte er sie zur Kirchenlehrerin.
Thérèse Eltern, Louis und Zélie Martin, wurden anlässlich des 150. Jahrestages ihrer Hochzeit im Oktober 2008 selig gesprochen. Wir besuchen zuerst die Karmelkapelle mit dem Schrein Thérèses. Dorthin wurden 1923 ihre Gebeine vom Friedhof überführt. Die Marmorfigur im Gewand einer Karmelitin zeigt Thérèse in ihrer Sterbehaltung. Über ihrem Schrein wacht die "Jungfrau vom Lächeln", eine Marienstatue aus dem Familienbesitz der Martins. Als wir zur imposanten Basilika empor steigen, sind die Devotionalienläden zumeist noch geschlossen, aber wir ahnen, wie viele Menschen von Thérèse bewegt werden und religiöse Souvenirs suchen. Beeindruckend, monumental alles. Ob die "kleine Thérèse" dies gewollt hat? Leider ruft uns der Zeitplan zur Räson, denn wir haben noch einen langen Heimweg vor uns - und Zeit zur Meditation.
 
Am Ende nochmals Wilhelm
Den letzten Halt unserer Reise machen wir in Mantes-la-Jolie an der Seine. "Ich komme nach Mantes, meine Schöne", schrieb einst König Heinrich IV. an seine Geliebte, weshalb sich die Stadt an der Peripherie von Paris seit 2004 "Ville royale" nennt. Zum Schutz vor den Normannen war Mantes befestigt. Dennoch wird die Stadt im Jahre 1087 durch König Wilhelm den Eroberer nieder gebrannt. Dabei scheut Wilhelms Pferd, der füllig gewordene König wird vom Sattelknauf aufgespießt und schwer verwundet. Sechs Tage später stirbt er am 9.9.1087 in seiner Hauptstadt Rouen. Gemäß seinem letzten Willen wird er in seiner geliebten Stadt Caen beigesetzt. Schmuckstück von Mantes-la-Jolie ist die Kollegiatskirche Notre-Dame aus dem 12. u. 13. Jh. Schwere Schäden richteten die Bilderstürmer der Franz. Revolution an, das Gotteshaus wird Tempel der Vernunft, Salpeterfabrik und Arsenal, blieb aber in den 50 Bombardements während des II. Weltkriegs relativ unversehrt. Das Innere enthält eine Reihe von Kapellen, beeindruckend das Licht! Seit 2003 erstrahlt auch die "Grande Rose" wieder im alten Glanz. Wir sagen auch diesmal nur "au revoir und nicht adieu!", um uns von Guide Lydia Henkel zu verabschieden, aber nicht ohne ihr zuvor herzlich gedankt zu haben. Vorbei an Paris - nur ein flüchtiger Blick auf Tour Montparnasse und Tour Eiffel - geht es dann gedankenversunken über die sanften Ebenen und Hügel von Marne, Maas und Mosel in die Heimat zurück. Das Erlebte dürfte indes noch lange nachwirken.