VHS-Rheinzabern in "Meck-Pomm"

Zum dritten Mal veranstaltete die vhs-Rheinzabern eine Studienfahrt in die neuen Bundesländer. Unter Führung von vhs-Leiter Gerhard Beil war diesmal Mecklenburg-Vorpommern das Ziel. "Meck-Pomm", wie das Bundesland im Nordosten genannt wird, ist ein weites, dünn besiedeltes Bundesland, mit reizvoller Landschaft, aber auch voller Sorgen und Probleme. Es war eine aktuelle Reise, und Politik war überall.

Mit Schwerin fing es an
Erste Station in Mecklenburg, das übrigens mit langem "e" gesprochen wird, ist Schwerin. Die kleinste Landeshauptstadt der Bundesrepublik ist eine Gründung Heinrichs des Löwen, der im Jahre 1160 Schwerin als erster Stadt östlich der Elbe Stadtrecht verlieh. Die Stadt, von mehreren Seen umgeben, ist besonders stolz auf ihr Schloss, für dessen jüngsten Umbau Chambord an der Loire soll Modell gestanden haben soll, doch war in Mecklenburg alles viel kleiner, beschaulicher. Und alles soll dort angeblich auch 50 Jahre später passieren. Gerade waren Landtagswahlen im Land mit dem geteilten Wappen, dessen schwarzer Stierkopf Mecklenburg repräsentiert, während der rote Greif das Herzogtum Pommern symbo-lisiert. Größte Sorgen machen die durchschnittliche Arbeitslosenquote von 18% sowie die be-trächtliche Abwanderung vom Osten in den Westen der Republik, aber auch von den Städten in die stadtnahen Dörfer. So zählte Schwerin 1990 noch 130 000 Einwohner, heute hat es weniger als 100 000. MV leidet auch unter enormen Verwaltungskosten, 51% des Etats sind Zuweisungen, das Land hängt am Finanztropf.
Die beschauliche Residenzstadt Schwerin hat eine Reihe interessanter Sehenswürdigkeiten; zu den kuriosesten zählt das Denkmal an Heinrich den Löwen, aber auch der Brunnen, der die Geschichte von Mecklenburgs meistgesungenem Lied symbolisiert, nämlich von "Herrn Pastor sin Kauh".

Schweriner Schloss

Wismar, das "kleine Lübeck"
Drei Tage lang war dann die alte Hansestadt Wismar Standquartier im mecklenburgischen Teil der Reise. Wismars großes Vorbild ist die einstmals bedeutendste Hansestadt, Lübeck. Wismar ist ein Lübeck im Kleinen. Beeindruckend die Backsteingotik mit den drei großen Kirchen Sankt Nicolai, Sankt Georg und Sankt Marien. Traurig stimmt, dass das Schiff von Sankt Marien in den 60er Jahren von der DDR für die Anlage eines Parkplatzes gesprengt wurde und dass man Sankt Georgen verfallen ließ. Gerade der Wiederaufbau dieser aus über 5 Mio. Backsteinen bestehenden Kirche wurde zum weitbekannten Symbol für den Aufbauwillen der Bürger. Imposant auch der große Marktplatz von Wismar mit stattlichen Bürgerhäusern und der Wasserkunst. Segensreich hat sich in Wismar, aber auch in vielen anderen Städten und Dörfern, das Wirken der Deutschen Stiftung Denkmalschutz ausgezahlt, die großartige Hilfe leistet. Wismar (UNESCO-Weltkulturerbe) gehörte zusammen mit anderen Hafenstädten an der Ostsee lange Zeit zu Schweden, weswegen der "Alte Schwede" ein besonderes Wahrzeichen der Stadt darstellt und einem historischen Restaurant am Marktplatz den Namen gibt.

Sankt Nicolai in Wismar

Die Slawen gehören dazu
Zu Ostdeutschland gehört natürlich auch der slawische Anteil an der Geschichte. Im Frei-lichtmuseum Groß Raden bei Sternberg konnte man vielfältige Einblicke nehmen in die Kultur der Slawischen Obotriten, die an der südlichen Ostsee herrschten, ehe sie Heinrich der Löwe besiegte bzw. zu Lehensmannen machte. In den 70er Jahren wurde in Groß Raden mit archäologischen Grabungen begonnen, sicherlich auch, um mit dem Erforschen der slawischen Geschichte die besonderen Beziehungen zum "großen Bruder" zu verdeutlichen.

Freilichtmuseum Groß Raden

Ernst Barlach und Güstrow
Güstrow im Mecklenburgischen Hügelland, nennt sich "Klein-Paris des Nordens". Einst für 140 Jahre herzogliche Residenz, ist Güstrow heute eine ruhige Provinzstadt mit großen strukturellen Problemen, aber reich an Kunstschätzen. Dazu zählen das herausragende Renaissance-Schloss sowie der gotische Dom mit dem vergoldeten Flügelaltar von Henrik Bornemann. Haupt-anziehungspunkt des Domes ist jedoch der "Schwebende" von Ernst Barlach. 1927 wurde dieses Ehrenmal für die Opfer des Ersten Weltkrieges angebracht, 1937 aber als Beispiel für "entartete Kunst" aus dem Dom entfernt und später für Rüstungszwecke eingeschmolzen. Auf dem Alten Friedhof steht die Gertrudenkapelle, in der eine Ernst-Barlach-Gedenkstätte eingerichtet wurde. Hier sind Modelle und Originale zu bestaunen. Von den Nazis verfemt, starb Barlach 1938 in Güstrow, beerdigt ist er jedoch in Ratzeburg.



Krönung der norddeutschen Backsteingotik
Zur Krönung der norddeutschen Backsteingotik zählt ohne Zweifel die Zisterzienserkirche in Bad Doberan, ein Haus voller Harmonie und reich an Kunstschätzen, nicht nur wegen der Grablege der Mecklenburgischen Herzöge. Einheitlichkeit und harmonische Schlichtheit bestechen geradezu. Der Legende nach hat einst ein Schwan dem slawischen Herzog Heinrich Borwin I. mit "Dobr, dobr" - Geschnatter den Platz gezeigt, an dem er ein Kloster bauen ließ. Die dreischiffige gotische Basilika hat ihre Vorbilder in Lübeck, aber auch im französischen Kathedralenbau. Entsprechend den zisterziensischen Regeln besitzt die Kirche keinen Turm, sondern nur einen schlichten Dachreiter.

Perle der norddeutschen Backsteingotik - Münster in Bad Doberan

MV-Zentrum Rostock
Stippvisite auch in der Hafenstadt Rostock, bei uns vor allem durch den SV "Hansa" bekannt. Rostock ist das wirtschaftliche Zentrum von MV, aber auch eine wichtige Universitätsstadt. Im Krieg schwer bombardiert, durch Plattenbauten und stalinistische Architektur teilweise deformiert, hat sich in Rostock wieder städtisches Flair entwickelt, das auch von Touristen geschätzt wird. Auch Kirchen prägen Rostock, die größte darunter ist die Marienkirche mit der berühmten Astronomischen Uhr. Natürlich ist auch ein Gotteshaus dem heiligen Nicolai geweiht, dem Schutzpatron der Schiffer und Fischer. Gewagt ist der "Brunnen der Lebensfreude", im Volksmund "Porno-Brunnen" genannt. Die Lange Straße wurde nach dem Kriege zur sozialistischen Aufmarsch-Meile im stalinistischen Stil umgestaltet, die Kröpeliner Straße hingegen ist die Einkaufsmeile und war zu DDR-Zeiten die erste Fußgängerzone in der Republik.

Vom Wind geformte Küste
Fischland-Darß-Zingst, eine Halbinselkette, die aus mehreren einstigen Eilanden zusam-menwuchs, werden auf der Weiterreise passiert. Während an Kliffs die Erosionskräfte Sand und Steine abtragen, lagert sie der küstenparallel wehende Wind weiter östlich wieder ab. Sandhaken, Nehrungen, entstehen und verbinden die Inseln oder schließen die Bodden. Die Ausgleichsküste entsteht und ist ständig in Bewegung. Die reizvolle Gegend ist weitgehend als Naturpark und Biosphärenreservat geschützt. Zu DDR-Zeiten war die Halbinsel für die Staats-Elite reserviert, für die Werktätigen jedoch gesperrt. In Ahrenshoop, als Künstler-Mekka ein Geheimtipp, wird Rast gemacht. Riedgedeckte, blumengeschmückte Häuser schaffen ein besonderes Flair. Hier ist es auch Zeit, über Bernstein, das "Gold des Nordens" zu informieren; hier wird auch das sagenumwobene Vineta vermutet, das Atlantis der Ostsee.

Weltkulturerbe Stralsund
Die berühmte Hansestadt Stralsund war dann zweiter Standort der Studienreise. Stralsund, in Vorpommern gelegen, gehört seit Frühjahr 2002 zusammen mit Wismar zum UNESCO-Weltkulturerbe. Stralsund ist auf drei Seiten von Wasser umgeben und hat eine wunderbare Silhuette. Im Innern der romantischen Altstadt fühlt man sich überall ins Mittelalter versetzt. Einst eine der mächtigsten Hansestädte, ist die Stadt noch immer reich an stolzen Bürgerhäusern, prächtigen Klöstern und imposanten Kirchen. Sankt Nicolai am Altmarkt und das wunderschöne Rathaus in verzierter Backsteingotik ragen heraus. Auch hier orientierte man sich stets am Lübecker Vorbild. Stralsunds Altstadt wurde im II. Weltkrieg schwer beschädigt, der Verfallsprozess ging zu DDR-Zeiten noch weiter, jetzt ist Stralsund eine der fünf alten Städte in den neuen Ländern, deren Rekonstruktion durch besondere staatliche Mittel gefördert wird. Stralsund ist bereits in vielen Bereichen renoviert, doch sind noch überall Handwerker am Werk; wo noch Bauruinen stehen, scheint die Eigentumsfrage nicht geklärt, oder man scheut angesichts der Wirtschaftslage das Investitionsrisiko.

Wetterleuchten über Stralsund

Auf der größten Insel Deutschlands
Von Stralsund aus erkundete man auf einer Tagestour die größte Insel Deutschlands, Rügen. Eiszeit und Wasser geben dem Eiland besonderes. Die Küste ist reich an Kliffs bzw. Sandstränden. An einem der schönsten Strandabschnitte zwischen Binz und Sassnitz steht die kilometerlange Ruine des größten jemals geplanten Seebades, die "Urlaubsmaschine" Prora. Nicht ein einziges Mal war sie mit den geplanten 20 000 KdF-Urlaubern gefüllt, stattdessen mit ausgebombten Hamburgern und später mit 15 000 Vopos bzw. NVA-Soldaten. Ein kleines Museum gibt Aufschluss über die Ideologie, die hinter Prora stand: Erfassung des Menschen in allen Lebensbereichen, Erhaltung der Arbeitskraft, Förderung des Kampfgeistes; adäquat war später die Versorgung der DDR-Bürger mit Urlaubern durch den FDGB organisiert, der nach dem Kriege die Seebäder für sich okkupierte, die Hotels und Pensionen enteignete.
Heute blühen die Seebäder Mecklenburg-Vorpommerns wieder im alten Glanz, ja, sie sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Zu den Initiatoren des Seebäderturismus gehörte übrigens der Fürst Malte von Putbus, der sich um 1800 auf Rügen eine "ideale" Residenz-Stadt mit kreisrundem Grundriss bauen ließ, Circus genannt, und als Kuriosum noch erhalten.
Selbstverständlich bei einem Rügenbesuch, dass man auch den Königsstuhl, den berühmtesten Kreidefelsen Deutschlands bewunderte, der uns vor allem durch die romantischen Bilder des Greifswalder Malers Caspar David Friedrich eingeprägt wurde.
Die Störtebeker-Festspiele in Ralswiek, dem "Bayreuth des Ostens" locken alljährlich Zehn-tausende nach Rügen. Schon zu DDR-Zeiten förderte man die Spiele, weil Störtebeker, übrigens auf Rügen geboren, als "Robin Hood der Armen" galt und somit auch in die Ideologie vom Arbeiter- und Bauernstaat passte.
Vor dem Passieren der Brücke über den Strelasund ein einmaliges Wetterschauspiel, als ob Stralsund brennen würde -fast so wie im Krieg.

Inbegriff der Romantik - Der Königsstuhl auf Rügen

Raketen und Kaiserbäder
Neben Rügen bildete auch Usedom ein Tagesziel. Hier galt es zunächst Einblick zu nehmen in ein düsteres Kapitel unserer Zeitgeschichte. Usedom war in der NS-Zeit völlig abgeriegelt und diente als militärisches Versuchsgelände. In Peenemünde lag die Geburtsstätte der modernen Weltraumfahrt, hier lagen aber auch die Versuchsstätten für die Vernichtungswaffen V1 und V2. Ganz im Gegensatz dazu die friedlichen "Kaiserbäder" Heringsdorf und Ahlbeck an der "Riviera Pommerns" oder der "Badewanne Berlins". Die neue Seebrücke in Heringsdorf ist phantastisch, Herbstsonne und strahlender Himmel ließen das Herz der "vhs-Studenten" höher schlagen, und eine Wanderung zum nahen Ahlbeck gab Einblick in die Seebäderarchitektur um die Jahr-hundertwende. Die meisten Villen, natürlich zeitweise auch von NS-Größen und DDR-Bonzen beschlagnahmt, sind wieder saniert und verbreiten gepflegte Badekultur, keinen Massenbetrieb la Mallorca.

Penemünde - Wiege der Weltraumfahrt und Werkstatt der V-Waffen


An der Riviera Pommerns - Ostseestrand bei Heringsdorf/Usedom

Tor zum Norden, Brücke zum Osten
Greifswald, die altehrwürdige pommersche Universitätsstadt, wurde noch kurz gestreift, vor allem in einem hanseatischen Kaffee-Haus mit spätgotischem Ziergiebel und stilvollem Interieur "genossen", denn leider blieb nur wenig Zeit zum Besichtigen. Aber man konnte die einstige Bedeutung der Stadt ahnen, die dazu beiträgt, Mecklenburg-Vorpommern aus einer Randlage in eine Mittenlage zu bringen. Nach dem Fall der Grenzen in Europa ist die Ostsee, das Baltische Meer, wieder wie zu Zeiten der Hanse ein Mittelmeer des Nordens geworden, ein Meer, das verbindet und nicht trennt. Als Wissenschaftsstadt nahe der polnischen Grenze kann Greifswald mithelfen, dass Mecklenburg-Vorpommern "Tor zum Norden und Brücke zum Osten" wird.

Durch das Land Fritz Reuters
Über Demmin in der "tiefen Provinz" und Waren, dem Touristenmagnet am Müritzsee, ging die Rückreise zunächst nach Magdeburg. Unterwegs das große Gefälle zwischen Stadt-Land, aber auch West-Ost beobachtend, erfuhr man aber auch von Fritz Reuter, dem größten Dichter Mecklenburg-Vorpommerns. Reuter schaute dem Volk aufs Maul, setzte sich für Freiheit im Lande der Großgrundbesitzer ein. Wegen revolutionärer Umtriebe der Burschenschaften zunächst 1833 zum Tode verurteilt, wurde das Urteil gegen ihn dann auf 30 Jahre Festungshaft in Dömitz umgewandelt, bis er nach 7 Jahren Haft begnadigt wurde. Fritz Reuter schrieb vieles in "Platt", und seine Bücher fanden reißenden Absatz. Die Stadt Stavenhagen trägt seinen Namen als Attitüde. Selbstredend, dass bei dieser Vita als revolutionärer Poet das Reuter-Gedenken auch von der DDR-Kultur gefördert worden war.

Zum Schluss noch Magdeburg
Die Hauptstadt von Sachsen-Anhalt war bei der vorhergehenden Exkursion in die neuen Bundesländer nicht besucht worden und somit als Etappe auf der Rückfahrt "dran". Natürlich erkundigte man sich zuerst nach dem jüngsten Hochwasser, das die Stadt an der Elbe in den Mittelpunkt gerückt hatte. Magdeburg war bis zum Kriege eine schöne Stadt, wovon allerdings nur noch wenige Reste zeugen. Die Narben des Krieges und die Architektursünden aus der Zeit des Sozialismus werden teilweise geheilt. Natürlich war Otto von Guericke ein Thema, der vor rund 400 Jahren mit den "Magdburger Halbkugeln" den Luftdruck nachwies. Natürlich spielte auch der weltbrühmte Magdeburger Reiter eine Rolle, ein Idealbild des mittelalterlichen Königtums, das besonderen Glanz zur Zeit von Otto dem Großen erlebte. Otto hatte hier sein Stammland. "Glücklich war die Welt, als er das Zepter führte", soll der Mönch Widukind von Corvey über Otto den Großen geschrieben. Solche Zeiten wünscht man sich wieder im Lande. Krönender Abschluss der Stadtbesichtigung war der Besuch im Magdeburger Dom, einem der bedeutendsten Gotteshäuser auf deutschem Boden. "Wo Gotik drauf steht, ist Gotik drin", meinte die Domführerin, und konnte auf unzählige architektonische und bildhauerische Kunstschätze verweisen. Nicht nur "unser" Speyer ist historisch bedeutsam, war die unmissverständliche Botschaft an die Pfälzer.

vhs-Reisegruppe im Dom zu Magdeburg

Bleibt als Resumee
Die Studienfahrt gab vielfältige Einblicke in Land und Leute, Geschichte und Gegenwart, Natur und Kultur. Sie hat sicher dazu beigetragen, Deutschland besser kennen zu lernen und Verständnis zu wecken für Fragen im Zusammenhang mit dem Zusammenwachsen unseres Vaterlandes. Eines steht fest: Überall wurde schon viel erreicht, man sieht mehr als deutlich die Kontraste zu Früher. Aber es gibt auch noch viel zu tun. Den tiefen Dank für Hilfen aus dem Westen sprach Frau Schroeder aus, Domführerin in Magdeburg, und mit dem Bundeskanzler weder verwandt, noch verschwägert, noch bekannt. Der Beifall der Fahrtteilnehmer kam aus vollem Herzen.


Gerhard Beil
Ortsbürgermeister

"Traumhimmel" über "Meck-Pomm"