VOLKSHOCHSCHULE RHEINZABERN
IN DER KREISVOLKSHOCHSCHULE GERMERSHEIM

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Zwischen Pasta und Prosecco
Studienfahrt in die Emilia-Romagna und ins Veneto

vom 16. - 23. Oktober 2010

Ein Bericht von Gerhard Beil

Nein, nicht ständig standen Pasta, Polenta, Prosciutto, Parmigiano oder Prosecco im Focus des Interesses, aber immer wieder ließen sie die Herzen höher schlagen und machten die jüngste Studienfahrt der vhs-Rheinzabern in den Herbstferien 2010 zu einer regelrechten Schlemmerrallye, obwohl in erster Line Geschichte, Kunst und Kultur im Mittelpunkt standen. Ein Wunder, wenn es in die Emilia-Romagna und nach Venetien geht? Vorbereitet durch Reiseleiter Gerhard Beil, sicher chauffiert durch Günter Bügel, Fa. Fichtenkamm-Reisen, und begleitet von Jolanda Campetti, Agentur Michelangelo, konnte eigentlich nichts schief gehen. Selbst San Pietro hatte ein Einsehen und il Sole strahlte meistens meraviglioso.

Seide und See
Das Nadelöhr "Gotthard" zwingt uns zum Aufbruch "im Frühtau", just am Tag nach dem Durchstich für den Basistunnel. Dann endlich sind wir in "bella Italia". Como lädt geradezu zur Stippvisite ein, und Jolanda, unsere "Perla Italiana", steigt zu. Gewimmel und Stimmengewirr von turisti, bambini, signori - die Melodie des Südens. Wir erfahren über den Dom und das gegenüberliegende ehemalige Casa del Fascio (Mussolini endete unrühmlich hier in der Nähe - und schon hat uns die Geschichte gepackt), die Seidenindustrie, die Mode, die Villen der Belle Epoque am angeblich schönsten Alpensee etc. - und müssen weiter, weil der Fahrtschreiber unerbittlich tickt.
Mit offenem O
Etwas abseits der Touristenströme liegt Piacenza am Po (man spricht kurzes O !), Tor zur Emilia-Romagna. Römische Gründung, schachbrettartiger Stadtgrundriss, mittelalterliche Mauern, rationelle Mentalität, "la Logica" genannt: Piacenza mit seinen 100 000 Einwohnern besitzt 100 Kirchen. In San Francesco entscheidet die Stadt im Jahre 1848 per Volksabstimmung den Beitritt zum neuen Italien und gilt deshalb als "Erstgeborene". Georg(io) Duhr, ein alter Bekannter, wird uns das einstige römische Placentia im Sauseschritt und mit beeindruckender Sachkenntnis näher bringen. Am Piazza dei Cavalli, vor dem berühmten Rathaus "Il Gotico", schwärmt "Giorgio" vor den Reiterstandbildern der Herzöge von Farnese: Edle Bronzegießerkunst von Francesco Mochi. Zünfte stifteten einst die Kathedrale, außen Romanik, dann zur Gotik mutierend. Am Portal Allegorien auf Geiz und Wucher und auf diejenigen Bürger, die zum Bau nichts beitrugen. Überragendes Interieur. Barbarossa (wir sind im Stauferjahr 2010) unterzeichnete hier einst ein Abkommen mit dem Lombardischen Städtebund. Ein vergeblicher Abstecher will uns noch San Sisto zeigen, bekannt wegen Raffaels "Sixtinischer Madonna", einst für dieses Gotteshaus in Auftrag gegeben, dann nach Dresden verkauft.
Namen wie Musik
Durch die Poebene geht es vorbei an Städten, deren Namen wie Musik klingen, nicht zuletzt sind hier Verdi und Pavarotti zuhause. Das Nudelimperium Barilla hat hier seine Hausmacht. Wir rasen gen Bologna, um das ****-Hotel Aemilia zu erreichen, ein komfortables Domizil am Rande des Zentrums von "La Dotta, la Grassa, la Rossa", wie Bologna respektvoll genannt wird; ein Verweis auf seine Stellung als Stadt der Bildung, des opulenten Essens und der roten Gebäude. Auch als politisch "rote" Stadt hat Bologna Tradition, beruft man sich doch gerne auf Garibaldi. Und auch Verdis Gefangenenchor aus "Nabucco" entstand hier in Padanien, fußend auf dem harten Schicksal der Landarbeiter in der Poebene. Bologna aber muss noch warten, von uns entdeckt zu werden.
Exklusive Essig-Ästhetik
"Essig" um 9.00 Uhr am Sonntagmorgen? Welch ein Graus! Doch dann heißt es: Wie köstlich! In der Tat besuchen wir eine der feinsten italienischen Adressen, die "Acetaia Malpighi", seit 1850 eine Balsamico-Destillerie voller Exklusivität und Ästhetik - und mit einem Hauch von Dekadenz. Eine "Signora attrativissima" weiht uns charmant in das Geheimnis der Balsamico-Herstellung ein. Die folgende Degustation ist ein erster Hochgenuss für Zunge und Gaumen - vor allem kann sich der Pfälzer nicht vorstellen, dass Wein auch zu Essig veredelt werden kann. Echter "Basamico Tradizionale di Modena" aber ist ein Kunstwerk, das leider sehr oft gefälscht wird. Balsamico tradizionale reift mit dem Wetterwechsel der Jahreszeiten in Fässern aus unterschiedlichem Holz, die der köstlichen Essenz das Aroma verleihen. Zwei Weine liefern die Basis: Trebbiano di Modena und Lambrusco. "Balsamico darf nie zum Kochen benutzt werden, nur zum Verfeinern!", lautet die wichtigste Botschaft. Der Balsamico tradizionale di Modena wird original in Modena produziert und abgefüllt, seine Flaschen tragen Qualitätssiegel. Man warnt natürlich vor minderwertigen Imitaten, die nur in Modena abgefüllt, aber in USA oder sogar China hergestellt werden. Schon die Römer bezeichneten diesen "Essig" als Balsam, als Medizin. Wer will da nicht mehr davon? Balsamico lässt auch Kassen klingeln.
"Perfetto"
Im Hochgefühl der Balsamico-Verkostung perlt der Regen unbemerkt ab, so dass uns Georg Duhr Modenas Kunstschatz Nummer eins, den Dom, näher bringen kann, den "schönsten der Emilia-Romagna". Das Ganze ist mehr als seine Einzelteile, und so bedeutet ein "Schä" höchste Anerkennung eines UNESCO-geschützten Kunstwerkes in Stein. Man hört aber auch "perfetto!", "hätt' ich net gedenkt!" und "einmalig", als Georgio Duhr vom Rhythmus der Rundbögen schwärmt. Ist die Fassade mit herrlichen romanischen Steinskulpturen verziert, so beeindruckt im Innern der erhöhte Chor mit einzigartigem Lettner und der darunter liegenden Hallenkrypta. Sankt Geminianus kann stolz sein auf sein Gotteshaus, und wir wünschen uns auch einen Rundblick vom elegant in den Himmel ragenden Glockenturm, dem Torre Ghirlandina, zu dessen Füßen wir aber von der näheren Geschichte eingeholt werden, als uns die Porträts von gefallenen Partisanen entgegen blicken. In der Dominikanerkirche fesselt uns bewegender Chorgesang ebenso wie eine Terrakotta Gruppe im Baptisterium.
Italienische Esskultur pur folgt nach einem kurzen Stadtbummel im Caffé Concerto am Domplatz. Welch ein Ambiente! Lautstärke und Lebensfreude korrespondieren "perfetto" mit dem Augenschmaus auf dem Büffet. Dazu Vino rosso - fehlt nur noch die Siesta.
"Wir verkaufen einen Traum…"
Maranello steht ganz im Zeichen des schwarzen Pferdes, Markenzeichen des Hightechunternehmens Ferrari. Die roten Rennautos sind der Stolz des Museums, und Michael Schumacher ist dort Ikone für die Ewigkeit. Show, Legende und technischer Fortschritt gehen auf dem Ferrari-Terrain eine besondere Symbiose ein. Zehn Minuten Testfahrt in einem roten Flitzer werden angeboten: "Nur 50 Euro!". In der Hall of Fame, dem Ruhmestempel, lesen wir: "We don't sell cars, we sell a dream" - "Wir verkaufen keine Autos, wir verkaufen einen Traum". Die Philosophie von Ferrari könnte aber auch heißen: "L'amore per la velocitá" - Liebe zur Geschwindigkeit.
Ein kleiner Traum wird auch erfüllt, als wir im ehemaligen Kuhstall der "Fattoria del Parco" in Gorzano di Maranello ankommen, dem ersten Agroturismo-Restaurant während der Reise. Fast ein Heimspiel, denn Fausto, der Wirt, lebte 10 Jahre in Deutschland und kennt sogar Tabernaes Terra-Sigillata-Schild an der B 9! Man bietet hier Erlebnisgastronomie, auch für Kinder, um die Landwirtschaft und ihre regionaltypischen Produkte auf urtümliche Weise zu vermarkten. Lukullus scheint persönlich mit am Tisch zu sitzen. Das "tante auguri a te!" , ein "Happy Birthday" wird Jubilar Arno Sitter ebenfalls so schnell nicht vergessen.
Petronius, Palazzi und Pasta: Bologna
Fontana Rosella führt uns zügig, aber nicht hektisch, durch Bolognas Gewirr aus Gassen, Palazzi, Portici, Brunnen, Säulen und Heiligen. Das 13. Jahrhundert gilt als goldenes Zeitalter der Stadt. Überall wird renoviert, Geschichte versteht man als wichtiges Kapital. Glockengeläut, als wir Sankt Petronius betreten, die Hauptkirche Bolognas, ein Bürgertempel. Berühmte Künstler haben sich hier verewigt, nicht zuletzt Giovanni di Modena mit seinem "Jüngsten Gericht". Beeindruckend die Vorstellung von den Verdammten, deutlich auch, wie viele religiöse Kunstwerke in unseren Religionsbüchern einst unser Gottesbild prägten. Die im 17. Jh. von Cassini geschaffene kunstvolle Sonnenuhr mit einem Meridian auf dem Kirchenboden verkündet Bolognas örtliche Mittagszeit und dient dem Richten der Uhren. Ob diese Sonnenuhr auch wegen der obligatorischen Pasta zur Mittagszeit gebaut wurde, sollte man nicht ausschließen, beobachtet man doch allenthalben die Nudel-Kunst und die appetitlichen Alimentari-Auslagen. Selbst handgeknotete Tortellini gibt es hier noch. Und eines muss mal gesagt werden: "Spaghetti Bolognese" gibt es in Bologna nicht, die gibt es nur auf den Speiszetteln der Pizzabäcker in Deutschland! Hier heißt die vermeintliche Bolognese-Soße "ragú", doch essen Italiener niemals Spaghetti zum "ragú", sondern sie bevorzugen die breiteren Tagliatelle, weil diese ein viel besserer Geschmacksträger sind. Selbst bei diesen "Trockenübungen" läuft das Wasser im Munde zusammen. Und noch eine Stunde bis Mittag. Ein Blick in das Anatomische Kabinett der weltberühmten Universität, der ersten in Europa, verdeutlicht das "dotta", und so ist es kein Zufall, wenn der Prozess der Erneuerung unserer Bildungsanstrengungen nach Bologna benannt ist, wo 80 000 Studenten aus aller Welt ihr geistiges Rüstzeug erwerben.
Nicht nur die Via Emilia verläuft durch "la rossa", sondern auch ein Ast der mittelalterlichen Via Francigena, einer Wallfahrtsroute von Canterbury in England über Frankreich und die Schweiz nach Rom. Im Komplex von San Stefano zeigte man einst den Pilgern eine Vorahnung vom heiligen Jerusalem. Welch eine Häufung von Symbolik bei Skulpturen, Gebäuden und Bauelementen! Man bräuchte ein ikonographisches Lexikon: Religionsunterricht auf spannende Art und Weise. 96 Klöster zählte Bologna - bis Napoleon kam.
Der Palast der Handelskammer in der Nähe der beiden letzten von ehedem 80 Geschlechtertürmen beherbergt geschützte Rezepte für Tortellini, Mortadella oder Parmaschinken und wirkt der Produktpiraterie entgegen. Ehe wir uns von Fontana Rosella verabschieden, scheinen wir noch eine Fata Morgana zu erleben, als sie uns in hungrigem Zustand durch eine Feinschmeckergasse lotst. Wer denkt da noch an "Doseworscht"? Wer nimmt da noch den wunderbaren Neptunbrunnen wahr?
Mit letzter Kraft erreichen wir die urige Kellertaverne "Cantina Benevoglia", wo eben "la Mamma" handgemachte Tagliatelle auf den Tisch zaubert. Eine feste Unterlage ist auch nötig, denn der Nachmittag wird nicht einfach werden.
Marzabotto - wo die Steine schreien
Noch nie hat sie eine deutsche Gruppe hierher begleitet, meint Jolanda. Wir nähern uns der Etruskersiedlung Marzabotto, einem besonderen Ort der deutsch-italienischen Geschichte. Doch geht es uns nicht um die von den Römern unterworfenen Ureinwohner der Halbinsel, sondern um ein "Ur-Erlebnis" der Zeitgeschichte, das sich am Monte Sole abspielen sollte, einem Naturschutzgebiet, wo sich seltene Flora und Fauna friedlich entwickeln können. Die Erde hier ist jedoch blutgetränkt von einem Massaker an italienischen Zivilisten. Marzabotto wurde sogar zum Mythos der Partisanen. Quer durch den Apennin hatte die Wehrmacht die sogenannte Gotenstellung aufgebaut, um den Zugang zur Poebene zu blockieren. Vor allem die Passübergänge galt es zu sichern, doch die Partisanen erschwerten dieses Vorhaben. Vom 29.9. - 1.10.1944 wütete am Monte Sole die SS. Doch der Einsatz gilt weniger den längst entkommenen Partisanen als der hilflosen Zivilbevölkerung. 18- und 19-Jährige, fast noch jugendliche Soldaten, richteten hier ein fürchterliches Blutbad an, dem 700 Menschen zum Opfer fielen, zumeist Kinder, Frauen, Alte und Obdachsuchende aus dem bombardierten Bologna. Kinder waren gepfählt oder wie Spatzen abgeschossen worden, Schwangere geschändet, Frauen verstümmelt, spaßeshalber werden Handgranaten in Wohnungen geworfen. Hatte sich A. H. nicht eine "grausame" Jugend gewünscht, die mit Wissen nur "verdorben" würde? Die Saat war also aufgegangen, die "Früchte" geerntet. In der Kirche von Casaglia betet Don Ubaldo mit Obdachsuchenden den Rosenkranz, als SS-Leute eindringen. Der Priester kann Deutsch und will die Männer abhalten. Sie lachen, erschießen den Geistlichen und treiben unerbittlich die Menschen zum Friedhof , wo sie nieder gemäht werden.
Die Befehle für das schlimmste Massaker in Italien geben "erfahrene" SS-Männer der brutalen Totenkopfverbände. Kommandeur Reder wollte vor Gericht mit der Sache nichts zu tun gehabt haben, beobachtete das Massaker aus 40 km Entfernung. Er erhielt Lebenslänglich. "Bandenbekämpfung" heißt der die Wahrheit verschleiernde lapidare Terminus militaricus für solche Aktionen. Ein Wanderweg führt uns zu kleinen Dörfchen, zur Kirche, dem Friedhof: Keine Info-Tafel kann das Leid wiedergeben, man glaubt die Ruinen mahnen, die Steine schreien zu hören: Nie mehr! Welch eine Überraschung dann, als ein Bergbewohner die Suchenden in seinen Hof bittet, um ihnen seine Tiere zu zeigen und etwas Ablenkung von der Einsamkeit zu finden. Sic tempora mutantur.
Bundespräsident Johannes Rau entschuldigt sich erstmals offiziell für das Verbrechen, indem er im Jahre 2002 "Trauer und Scham" bekundet - eine Geste, die mit dem Kniefall Willy Brandts vor 40 Jahren in Warschau verglichen wird. Sei zu wünschen dass auch junge Deutsche die 1999 eröffnete Friedensschule am Monte Sole besuchen.
Zum Abschluss des Tages trifft man sich im Locanda del Castello in Sasso Marconi am Fuße des Monte Sole. Ob alle während der angeregten Unterhaltung über die jüngsten Impressionen bemerken, dass es u.a. Distelsuppe, Tortelli, Pinza und Ciambella gibt?
 
"Büßerburg" Canossa
Für uns Deutsche ist Canossa ein Ort von besonderer Symbolik. Einen Gang nach Canossa zu tun, macht sich Kaiser Heinrich IV. (1150-1206) auf, mitten im Winter, um in der Burg der Markgräfin Mathilde von Tuszien gegenüber dem Papst Abbitte zu leisten, damit dieser ihn vom Bann befreie. Drei Tage und Nächte lässt ihn Papst Gregor VII. barfuß im Büßergewand im Freien ausharren. Angeblich am Jahrestag der Wandlung des Saulus zum Paulus sollte es sein, im Januar 1077, und fünf Tage bevor die Frist abgelaufen war, die ihm die Reichsfürsten zuvor auf einem Reichstag gesetzt hatten. Heinrich IV., ein äußerst umstrittener Herrscher, aber bedeutender Bauherr des Speyerer Domes, wollte durch seinen "Canossagang" den Reichszusammenhalt retten, denn gegenüber einem gebannten Kaiser hatte der Treueeid seiner Ministerialen keine Wirkung mehr. Entbrannt war der Konflikt im Streit um die Zwei-Schwerter-Theorie, wer der Höhere sei, Kaiser oder Papst. Insbesondere die Einsetzung der Ministerialen war mit Ämterkauf verbunden und damit äußerst lukrativ. Bischöfe waren auch eine wichtige Stütze königlicher Macht. Das reiche Italien zu verlieren, wäre für das mittelalterliche Heilige Römische Reich Deutscher Nation tödlich gewesen. So war der Anlass für den Investiturstreit kein Zufall, sondern die Einsetzung eines königlichen Vertrauensmanns als Bischof von Mailand. Vielleicht diente Heinrichs Konflikt mit dem Papst auch zur Ablenkung von inneren Schwierigkeiten.
Canossa liegt wie ein Adlernest oberhalb des Val d'Enza, einem alten Passweg über den Apennin. Eine schier uneinnehmbare Burg auf hohem Fels. Heißt es nicht bei Matthäus 16,18 "Du bist der Fels, auf dem ich meine Kirche bauen will"? Wir verspüren einen Hauch von Weltgeschichte bei einem Himmel, den die Italiener "giallo" nennen, strohgelb. Heinrichs IV. Canossagang wird später unterschiedlich gedeutet, teils als Kapitulation vor der Kirche, teils als geschickter Schachzug zum Erhalt seiner Macht. Stärke durch Nachgeben, würde man sagen, anstatt mit dem Kopf durch die Wand - was Heinrich IV. übrigens sehr oft tat. Immerhin regierte der "Tyrann auf dem Königsthron" fünfzig Jahre! Ein Meisterstück der Staatskunst, dem die Fahrkunst von Günter Bügel nahe kommt, lenkt der seinen Boliden doch quasi auf einem Saumpfad durch die Apenninen.
Eldorado "La Perla"
Idyllisch an der "Straße des Schinkens und der Weine", im Hügelland südlich von Parma, liegt in Langhirano die Salumificio "La Perla ". Signore Carlo Lanfranchi (er nennt sich "armer Bauer") führt uns in ein wahres Eldorado, doch seine Goldstücke sind Schweinehinterteile von 9 Monate alten Tieren, die gut 150 kg wiegen sollten. Nur in ausgesuchten Betrieben dürfen die Borstentiere gezüchtet werden. Mais, Gerste und Molke aus der Parmesanproduktion ergeben ein köstliches Futter. Signore Carlo erklärt uns in seinem Paradies die Behandlung der Hinterteile, bis sie zu "Crudo di Parma" - Parmaschinken geworden sind: Meersalzbeschichtung, nach 100 Tagen eine erste würzige Brise des typischen "Vento Marino" aus den Appeninen, mehrfache Massage, über 1 Jahr Trocknungszeit, je fetter, desto besser die Qualität. Hygiene wird groß geschrieben - und auch die Kontrolle des Produktionsweges.
Vor allem aber lässt man sich Zeit, ehe das bekannte Brandzeichen signalisiert: Echter Parmaschinken. Ca. 52 000 Schinken hängen hier, jeder im Wert von 150,-- Euro! Etwa 160 kleinere Betriebe produzieren ca. 10 000 000 Schinken/Jahr. Wenn die Qualitätsprobe an fünf verschiedenen Stellen des Hinterteils positiv ist, dann ist der echte Parmaschinken fertig. Nach Signore Lanfranchis Appetit-Anregung eröffnet sich anschließend eine urige Verkostung von Schinken und Salami, ehe man sich an der Theke mit Vorräten und Mitbringsel eindeckt. Direkt ab Erzeuger schmeckt es doppelt gut.
Parma und Parmigiano
In Parma, der Nummer 2 in der Emilia nach Bologna, empfängt uns Prof. Dr. Giovanni Cossio, pensionierter Dozent an der Kunsthochschule, um uns im Sauseschritt ein paar Highlights seiner sehr eleganten Stadt zu zeigen. Der "maßlose" Palazzo Pilotta steht für die Herrschaft der Farnese, die überall in der Stadt ihre Spuren hinterlasen haben. Marie Luise von Habsburg, Witwe Napoleons I., hat hier von 1815 bis 1847 segensreich gewirkt. Verdi war da und Toscanini, Stendhal beschrieb die berühmte Kartause von Parma. Mehr noch als die Kathedrale Santa Maria Assumpta beeindruckt uns jedoch das wunderbare Baptisterium, gespickt mit Symbolik aus der Heiligen Schrift, die Prof. Cossio quasi vor uns aufschlägt. An der Piazza Garibaldi, dem Zentrum, umgeben von repräsentativen Gebäuden, schnuppern wir noch etwas feierabendliche Stadtluft und genießen den Anblick elegant gekleideter Damen, sind wir doch im Modeland Italien. Günstige Gelegenheit zum Genießen eines Caffé oder Grappa und zum allmählichen Einstellen auf das Abendprogramm. In der Nähe von Reggio nell'Emilia, der Hochburg des Königs aller italienischen Käsesorten, erfahren wir beiläufig, dass die Milch der Kühe hier viel zu schade zum Trinken durch Menschen sei, weil sie für den exquisiten Parmigiano Käse gebraucht würde. Simple Trinkmilch werde aus Bayern importiert.
Am Ende eines anstrengenden Tages verwöhnt uns das Agroturismo-Restaurant "La Razza" bestens. Der ehemalige Kuhstall liegt wunderbar inmitten eines Golfplatzes und symbolisiert zugleich ein geglücktes Nebeneinander von früherem Schuften auf dem Lande, wo stets Schmalhans Küchenmeister war, und heutiger Wohlstandsbeschäftigung, einer Abart des "dolce far niente". Nie hätten die molti Bambini früher zu träumen gewagt, was heute an Pasta etc. aufgetischt wird.
 
Mosaiken, Mausoleen und Marmor: Ravenna
Wir fahren der Morgensonne entgegen, gen Ravenna, einem Mauerblümchen unter den italienischen Städten. Von hier aus wurde einst das Abendland regiert. Ravenna steht am Übergang zwischen römischem Imperium und christlichem Mittelalter. Viele Fragen sind noch offen, und ohne Ravenna wüssten wir noch weniger über jene spannende Zeit. Auf dem Weg durch die monotone Poebene strukturiert Gerhard Beil das Vorwissen, schafft Querverbindungen zu bisherigen Reisen, aktiviert den "Aha-Effekt". Der Rubikon ist in der Nähe, wo Cäsar sein berühmtes "iacta alea est - die Würfel sind gefallen" gesagt haben soll. Warum Cäsar ("Kaiser") ermordet werden sollte, wird erklärt, und warum Augustus sogar Kaiser wurde. In seiner Regierungszeit wurde Christus geboren. Spuren des frühen Christentums finden wir in Ravenna zuhauf. Wir erinnern uns an die Völkerwanderungszeit, den Übergang vom Römerreich zum mittelalterlichen Reich, an Odoaker, den Ostgotenkönig Theoderich, an Felix Dahns fesselnden Historienroman "Ein Kampf um Rom", an das Byzantinische Reich, die Langobarden, die Franken. In Ravenna ballen sich Geschichte und Kunst zu einem einmaligen Höhepunkt abendländischer Geschichte. Gleich dreimal ist Ravenna Hauptstatdt: Für das Weströmische Reich ab 402, für das Ostgotenreich ab 476 und ab 540 als Vorposten von Byzanz in Italien. Mit der Eroberung Ravennas durch die Langobarden im Jahre 751endet die Bedeutung der Stadt. Millionen von Mosaiksteinen machen Ravenna zu einer einzigartigen Stadt, die gleich acht Beispiele des UNESCO-Weltkulturerbes besitzt. Die Partnerstadt Speyer weiß indes "nur" ihren Dom als Welterbe.
San Apollinare in Classe
Führerin Claudia Frassineti fesselt uns sofort. Wir fahren zunächst nach Classe vor den Toren Ravennas, wegen seiner reichlich Holz liefernden Pinienwälder von Augustus gegründeter Kriegshafen für die kaiserlichen Flotte. 500 Jahre später entsteht hier die Kirche San Apollinare, gebaut in der Gotenzeit und einem Heiligen geweiht, der Opfer der Christenverfolgungen Kaiser Neros wurde. San Apollinare in Classe beeindruckt wegen ihres schlichten Äußeren, voller Harmonie auch der runde Glockenturm, vor allem aber wegen ihrer spirituellen Atmosphäre, was dennoch spätere Generationen nicht abschreckte, die wunderbaren Mosaiken als "Steinbruch" zu benutzen. Gustav Klimmt holte sich hier manche Inspiration für seine Werke. Claudia entschlüsselt für uns geschickt die Ikonographie des Chores mit seiner wunderbaren Symbolik aus Zahlen, Tieren und Motiven rund ums Zentrum - das Kreuz und die Verklärung Christi. Eine einmalig spannende biblische Lehrstunde.
 
Damnatio memoriae
26 Jahre herrschte der Ostgote Theoderich in Ravenna und bot dem Kaiser in Kosnstantinopel die Stirn. Besonders prachtvoll ist seine einstige Palastkirche, die Basilika San Apollinare Nuovo in der Innenstadt. Beeindruckend die Mosaiken der Heiligen Drei Könige. Als größte Mosaiken der Antike gelten der Zug der Jungfrauen und der Märtyrer, die vom Heiligen Martin angeführt werden, der gegen die "Ketzer" kämpfte. Theoderichs Bild aber ist nirgends mehr zu sehen, weil man die Mosaiken umgestaltet und die Kirche Sankt Martin geweiht hat. "damnatio memoriae", nennt es Claudia - Auslöschen aus der Erinnerung. Theoderich gehörte der arianischen Richtung des Christentums an, was letztendlich entscheidend war, dass es zwischen Ostgoten und Römern nicht zur Integration kam.
 
 

"Theoderichs Rache"?

San Vitale (6. Jh.) erinnert an die goldene Zeit Ravennas. Der oktogone Bau - noch unter Theoderich und mit byzantinischem Geld begonnen - gilt als "reinste Glorie der byzantinischen Kunst des Abendlandes" und wohl bedeutendster Zentralbau Italiens. Wer ist hier nicht alles auf den Mosaiken zu finden? Jesus, San Vitale, die Feldherrn Belisar und Narses, Abraham, Isaak, Melchisedech - und Kaiser Justinian, obwohl er nie in Ravenna war. Ihm gegenüber Kaiserin Theodora, die schöne und elegante Gattin Justinians. Obwohl einst von leichtem Lebenswandel, trägt sie hier einen Heiligenschein. Zusammen mit ihrem Gatten erweckt sie den Eindruck der Stifter der Kirche. Tatsächlich wollte man damit auch hier die Erinnerung an Theoderich auslöschen. San Vitale - ein Schatzkästlein - ist auch Vorbild für das Oktogon der Pfalzkapelle in Aachen, allerdings zur Erinnerung an Theoderich, und nicht an Justinian. Theoderichs Mausoleum außerhalb der Stadt indes bewahrt bis heute die Erinnerung an den berühmten Gotenkönig. Sind die Kirchen und Baptisterien Ravennas aus Ziegelsteinen gebaut, so besteht Theoderichs Mausoleum aus istrischem Kalkstein mit einem Monolithen von 11 m Durchmesser als Dach. Als wollte der König sich rächen und sagen: Keiner von Euch!

Aufrecht den Flammen entgegen
Ein Denkmal erinnert ans Ende der Antike, an den Zusammenbruch im Chaos der Völkerwanderungszeit. Im Mausoleum der Kaiserin Galla Placidia (390-450), einem schlichten Kreuzbau, endet unser Gang durch die einzigartige Mosaikenwelt Ravennas. Galla Placidia, Tochter des Kaisers Theodosius hatte ein bewegtes Leben voller Drangsal und Kummer. Sie war Geisel der Westgoten, heiratete einen Nachfolger Alarichs, ihre Tochter war mit Hunnenkönig Attila verlobt. Einer ihrer Söhne, Valentinian III., ist bekannt als Sieger über den berühmten Attila in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern bei Châlons-en-Champagne im Jahre 451. Bestattet ist Galla Placidia in Rom. Auf wunderbare Weise blieben ihre Mosaiken erhalten. Zentrales christliches Thema: Die Erlösung. Wunderbare Farben von einmaliger Wirkung auf den Betrachter. Für Galla Placidia indes waren es Mosaiken zum Aufrichten, wie sonst wäre die Darstellung des Heiligen Laurentius zu deuten, der unbekümmert und aufrecht den Flammen entgegen geht. Ob solch geballter Kunst und Kultur genießt man den Nachmittag bei Espresso und Gelato auf der belebten Piazza del Popolo.
Im Herzen der Romagna
Nach Faenza sind die berühmten Fayancen benannt - hier ist Italiens innovative Keramikindustrie daheim. Weniger bekannt indes sind die Hügel am Apenninenrand südlich der Stadt, wo feine Tröpfchen wachsen. Im Herzen der Romagna liegt Oriolo dei Fichi, wo wir "La Sabbiona" besuchen, den idyllisch gelegenen Winzerbetrieb von Familie Altini. Ein wunderbares Weinbergpanaroma lädt zum Landurlaub ein. Der Junior des Hauses erklärt u.a. die heutigen An- und Ausbaumethoden für "Rosso della Torre", ein Sangiovese di Romagno, der hier in der Region als besonderes Tröpfchen gilt. Integrierter Anbau, Grasbewuchs gegen Erosion, Hightech sind selbstverständlich. Ganz traditionell geht es noch im rustikalen Winzerhaus zu. "Lasagne alla Mamma" und Dolci schmecken besonders nachhaltig, wenn ein Grappa den Magen schließt, ehe der Padrone die weinfrohen "Mitbringsel" aus seiner "Cantina" verkauft.
Dank promillebeschwerter Glieder wird der Rückweg ins Hotel zur wunderbaren (Verdauungs)-Schlaftherapie. Mosaiksteine aus Ravenna dürften niemandem im Magen gelegen haben.
 
Ora et labora in Pomposa
Auf dem Weg ins Veneto kommen wir nach Pomposa im einsamen Podelta, Ost einer der bedeutendsten Abteien Europas. Schon von weitem grüßt - wie ein Fingerzeig Gottes - der prächtige Campanile. Er ist auch ein Leuchtturm abendländischen Kultur.
Beeindruckend die Stille und mystische Einsamkeit an einem sonnigen Herbstmorgen in der Nähe der Adria. Machten einst die eifrigen Mönche mit ihrer Hände Arbeit das amphibische Deltagebiet fruchtbar, so wurde es z.B. durch den Mönch Guido von Arezzo als geistliches Zentrum berühmt. Guido verdanken wir u.a. die Sechstonmusik und unser Noten- und Tonleitersystem. 38 Jahre lang leitete er die Abtei, genannt "Monasterium in Italia primum - erstes unter Italiens Klöstern".
Kaiser Heinrich III. ließ die Leiche Guidos nach Speyer bringen, wo sie 1047 in der Krypta einer zu "Sankt Guido" umbenannten Kirche beigesetzt wurden, ehe sie durch die Wirren der Geschichte hindurch in die Privatkapelle des Bischofs von Speyer gelangten. In Pomposa freute man sich sehr, als am 19.11. 2000 eine Delegation unter Führung von Bischof Dr. Anton Schlembach einige Guido-Reliquien zurück brachte. Nun wird je ein Schienbein von Sankt Guido in der Katharinenkapelle des Speyerer Domes bzw. in der Abtei von Pomposa verehrt.
 
Im Veneto
Entlang der Adriaküste kommen wir nach Chioggia, wo wir mit herrlichem Blick auf die blaue Lagune von Venedig das Mittagessen einnehmen. Natürlich steht Fisch auf dem Speisezettel. Wir sind im Veneto, das von der Adriaküste bis zu den schneegezuckerten Dolomitengipfeln am nördlichen Horizont reicht. "La Serenissima", Vendig, besuchen wir ein anders Mal, weil es unangemessen wäre, die "Königin der Meere" im Touristen-Galopp zu durchqueren.
Auch müssen wir die sanften Euganeischen "Fango" - Hügel um Abano Terme links liegen lassen, denn wir haben andere "Rosinen" im Programm.
"Il Santo" oder bloß "Schlampertoni"?
Fünf Millionen Pilger und Touristen besuchen jährlich die Stadt von rund 200 000 Einwohnern. Stadtführerin Giovanna Bortolato benutzt einen Lautsprecher, wohl weil sie gewöhnlich mehr Trubel durchdringen muss als heute. Den meisten Gästen Paduas geht es um "ihn", den sie kurz "Il Santo" - der Heilige - nennen; genau wie seinen Dom. Der gebürtige Portugiese Fernando Martim de Bulhões e Taveira Azevedo ist allen besser bekannt als Antonius von Padua (1195-1231).
Einst Mitbruder des Heiligen Franz von Assisi, gilt er als großer Prediger, als "Supermann" unter den Heiligen, weswegen die Basilica di San Antonio über seinem Grab voller Kunstschätze und Reliquien ist - ganz im Gegensatz zu seiner Armut und Bescheidenheit. Antonius ist Schutzpatron etlicher Städte sowie der Bäcker, Schweinehirten, Bergleute, Zigeuner, Taschendiebe und Sozialarbeiter. San Antonio wird bei Unfruchtbarkeit, Fieber, Pest, Schiffbruch, Kriegsnöten und Viehkrankheiten, aber auch für das Wiederauffinden verlorener Gegenstände angerufen, weswegen er landläufig auch manchmal liebevoll "Schlampertoni" genannt wird. Zudem soll er zu einer guten Geburt, zum Altwerden und zu einer guten Ernte verhelfen. Besonders bekannt ist sein Patronat über die Armen (Antoniusbrot). In seinem Schatten steht selbst Donatellis perfektes Reiterstandbild des venezianischen Condottiere Gattamelata.
Ein Spaziergang lässt uns gleich die Stadt lieben lernen - Piazza del Erbe oder etwa die Universität haben tolles Flair. Padua ist aber auch eine Stadt der Bildung. An einer der ältesten Universitäten der Welt studierte einst auch Kopernikus. Heute jedoch feiern einige der 66 000 "Studis" ihren Doktor mit närrischen Mutproben auf der Straße. Mariachiklänge sind ebenso zu hören wie Trommelsoli, Freudengesänge, Verdis Triumphmarsch oder ein polnisches "Sto lat!". Ein internationales buntes Völkchen, dem "Il Santo" gewiss ebenfalls geholfen hat, und wenn es nur der Glaube an ihn war, der zum Gelingen von Dissertationen oder Klausuren beitrug. Bei einem wunderbaren Sonnenuntergang nähern wir uns Vicenza, wo wir im ***-Hotel Continental für zwei Nächte Quartier beziehen.
 
Andrea P. an schier allen Ecken: Vicenza
Während in Deutschland "überfrierende Nässe" die Nachrichten dominiert und uns etwas "schadenfroh" werden lässt, begrüßen uns in Vicenza 20° C und Dolores Crosara, die uns die faszinierende Stadt Palladios und des Goldes ans Herz legen soll. Gleich sind wir mit Andrea Palladio auf Du. Palladio (1508-1580) gilt als Stararchitekt der Renaissance. In Padua als Sohn des Müllers Pietro della Gondola geboren, sollte der gelernte Steinmetz zum begehrtesten Architekten des Venezianischen und Vizentiner Adels werden, der schließlich den Künstlernamen "Palladio" annahm - wohl eine Anspielung auf die griechische Göttin der Weisheit. Andrea Palladio entwickelt sich zum berühmtesten Baumeister seiner Zeit, dessen Werk noch heute jeder angehende Architekt studieren muss. Er ist fasziniert von der Antike und lernt in Rom auch die Kunst eines Michelangelo, Bramante oder Raffaello kennen. Während des Baus des Teatro Olimpico in Vicenza stirbt er 1580. Vincenzo Scamozzi sollte dieses Wunderwerk des Maßes, der Perspektive und der Akustik vollenden - das erste geschlossene Theater der Welt. Außer diesem Werk zählen zu Palladios größtem Ruhm u.a. der benachbarte Palazzo Chiericati, der - Basilica genannte - Palazzo della Ragione im Stadtzentrum Vicenzas und die legendäre "La Rotonda". Letztere ist wegen ihrer Harmonie besonders berühmt und Vorbild für die englische, amerikanische (Weißes Haus in Washington) und russische Architektur. Selbst Napoleon war hier. Dolores Crosaro zeigt uns eine wunderbare Stadt, wo in der Tat Andrea P. an schier allen (Haus)-Ecken zu bewundern ist. Zudem wird der wunderbar harmonische Marktplatz am Nachmittag zum wahren Leckermäulchen-Paradies, wo bei der "Cioccolando Vi" Dutzende von Konditoren und Schokoladiers ihre Phantasien in "cioccolata" auszuleben scheinen. "Ach, hätte ich doch nicht schon wieder so viel Pasta...", sind süße Seufzer zu ahnen. Dass auch Andrea P. als "süße Verführung" kreiert wird, ist zu erwarten.
 
Mahnmal Monte Grappa
Gegen Abend zieht es uns in die Hügel des Veneto. Vor uns der Monte Grappa, der Heldenberg des I. Weltkriegs für Italiener, Österreicher und Deutsche. Tausende Tote ruhen hier friedlich beisammen. Gerhard Beil erzählt über die Schlachten an Piave, Tagliamento und Isonzo, wo mehr Blut floss als vor dem legendären Verdun. Die Schlacht um den Ponte Vecchio über den Brenta in Bassano del Grappa bleibt ewig eine Sternstunde der Alpini, während die Niederlage bei Caporetto/Kobarid am Isonzo ein italienisches Waterloo versinnbildlicht. Heute ist der Monte Grappa ein Biker-Eldorado, und Grappa gilt als exzellenter Digestif. Und im Valdobbiádene, nordöstlich des Monte Grappa, ist die Heimat des berühmten Prosecco. Gerhard Beil hebt die internationale Friedensarbeit des Volksbundes deutscher Kriegsgräber hervor, der seit Jahrzehnten Versöhnung über den Gräbern zelebriert. "Lasst uns ordentlich am Frieden arbeiten und die angenehmen Seiten des (Monte) Grappa genießen", ist die allgemeine Überzeugung, als der Omnibus in Fonte bei Asolo (Provinz Treviso) in den Hof der Weinkellerei dal Bello einbiegt.
Molto bello bei DAL BELLO
Unweit des Monte Grappa, in den bukolischen Hügeln von Asolo, liegt inmitten ihrer Weinberge die Kellerei DAL BELLO. Die Liebe zum Wein und zum eigenen Boden machen die Philosophie des Familienbetriebs aus. Sommelière Anita Zannini heißt uns herzlich willkommen und vermittelt uns schon beim Entree im "Salone delle Rose" einen Hauch von Exklusivität. Bei Crostinis "fantasia dello chef" lässt es sich besonders aufmerksam zuhören, vor allem, als es um den "Star" des Hauses geht: "Millesimato".
In der Tat ist dal Bellos mehrfach prämierter Prosecco "Millesimato spumante D.O.C.G. Superiore dry" das Zugpferd für einige mundige Weine aus den Collini Asolini. Mit dezentem Charme und bestechender Sachkenntnis erläutert Anita die köstlichen Kredenzen, während sie uns durch den modernen Keller führt. Traditionelle Erntemethode und Hightech-Verarbeitung sind hier kein Widerspruch, sondern sichern hohe Qualität. Anita lässt uns immer mehr das Wasser im Munde zusammenlaufen, während im Saal oben der Koch ein leckeres mehrgängiges Menü zaubert, ein Augen- und Gaumenschmauß zugleich. Die einladende Tafeldekoration tut ihr Übriges, um die Gäste mit Kalorien und Promillen zu verführen. Da dies stilvoll, schmackhaft und opulent vonstatten geht, dürfte sich die Reue in Grenzen halten. Wer wundert sich, wenn da die Stimmung ständig steigt, ehe es zum unerbittlichen Aufbruch kommt? Den Abschied versüßt sich so mancher mit einigen Flaschen oder gar Kartons von dal Bellos "Millesimato D.O.C.G.", eingefangenem Sonnenschein aus Asolo, der "Stadt der hundert Horizonte": Erinnerungen an unvergessliche Stunden.
 
Den Norden ahnend
Unsere Tour klingt in Bozen aus, wo wir nochmals einen südländischen Markttag erleben dürfen, in dem aber auch die Südtiroler Bergbauern ihre lukullischen Akzente setzen und uns den nahen Norden ahnen lassen. Doch wenn 's am schönsten ist... Jolanda Campetti ist gerührt, als es ans Abschiednehmen geht. Eine Seele von Mensch, ein wahrer Sonnenschein, der sein Herz auf der Zunge trägt - energisch und engagiert dazu. "Jolanda denkt und Günter lenkt" - zusammen schaukelten sie uns eine Woche ohne Fehl und Tadel durch Italien. Der Dank für diese unvergessliche Woche kommt von Herzen. Was bleibt? Wunderbare Erinnerungen und - in Abwandlung der angeblich letzten Worte Johann Wolfgang von Goethes - der Wunsch nach "Mehr Italien!"